Spezial E-Health: Transformation verordnet

Künstliche Intelligenz ersetzt keine Ärzte

Die Transformation zur „Medizin 4.0“ erfordert ganzheitliche Sicherheitskonzepte –sind diese aktuell ausreichend gegeben?

Gocke: Wenn wir an die Erfahrungen des Neusser Lukas-Krankenhaus und die Vorfälle in gleich mehreren NHS-Häusern denken: offensichtlich nicht. Ein Kernelement der Digitalisierungsstrategie der Charite (unabhängig vom IT-Sicherheitsgesetzes (IT-SiG) und der DSGVO) lautet: Medizin braucht Daten – Daten brauchen Sicherheit – und Sicherheit erfordert Strukturen. Datenschutz und Informationssicherheit lassen sich dabei vielfach nicht voneinander trennen. In der Charité kümmern sich daher gleich drei direkt beim Vorstand angesiedelte Stabsstellen mit einer nicht unerheblichen Anzahl von Mitarbeitern um diese Themen: die Stabsstelle Datenschutz mit dem betrieblichen Datenschützer als Beratungs- und Kontrollinstanz, die Stabsstelle Datenschutz-Management die den „operativen“ Datenschutz zusammen mit den Anwender organisiert und betreibt, sowie die Stabsstelle Informationssicherheit mit einem Chief Information Security Officer (CISO) welcher unabhängig vom IT-Bereich, aber natürlich in enger Kooperation technische Sicherheitsthemen vorantreibt – bis hin zu einer ISO 27001 / BSI-Grundschutz – Zertifizierung. Gemeinsam mit den Berliner Behörden werden auch Ausfallszenarien geprobt und die Ausfallsysteme weiterentwickelt. 100 prozentige Sicherheiten gibt es in keinem Lebensbereich – aber wir wollen dem bei der Realisierung von Informationssicherheit und Datenschutz so nah wie möglich kommen.

Aktuell warnt eine Studie der Versicherungswirtschaft davor, dass Patientendaten nicht ausreichend geschützt sind – in 60 Prozent der Kliniken werden hiernach Passwort-Kombinationen verwendet, die auch von Kriminellen im Darknet angeboten werden. Unterschätzen Ärzte und Kliniken die Cyberrisiken?

Gocke: Zumindest die Charité tut dies nicht, sondern investiert sehr viele Ressourcen in die Absicherung der IT-Systeme, sowie in die Ausbildung und Instruktion der Mitarbeiter*innen.

Ein Ziel von Smart Hospital ist es, Patienten und Mitarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen. Für viele, die dabei an Künstliche Intelligenz denken, hört sich das eher wie ein Widerspruch an. Können Sie das näher erläutern?

Gocke: KI soll auch keine Ärzte ersetzen, aber Ärzte mit KI werden Ärzte ohne KI ersetzen – und diese „augmentierte“ Medizin steigert zum einen die Qualität, zum anderen schafft sie Freiräume für sowohl das Personal, als auch den Patienten. Ein Beispiel ist der an der Charite etablierte AKI (acute kidney injury) -Algorithmus: bei einer nennenswerten Anzahl von Patienten kommt es während eines Krankenhausaufenthaltes zu Störungen der Nierenfunktion. Dies kann ein geschulter Nierenfacharzt (Nephrologe) anhand bestimmter Laborwert-Konstellationen erkenn – aber es gibt nicht genügend solcher Fachleute, um alle Patienten mehrmals täglich zu begutachten. Der implementierte Algorithmus überwacht nun in Echtzeit die Laborwerte aller Patienten darauf, ob eine akute Nierenfunktionsstörung vorliegt, und alarmiert bei Bedarf die zuständigen Ärzte. Damit steht quasi ein (wenn auch äußerst spezialisierter) „virtueller Nephrologe“ an jedem Patientenbett! Dies ist ein Beispiel dafür, wie KI Medizinisches Personal entlasten kann und zusätzlich zu einer besseren Patientenbetreuung führen kann.

Inwieweit spielt Digitalisierung in Bezug auf den demografischen Wandel eine entscheidende Rolle?

Gocke: Sami Haddadin / Healthcare-Robotik / Geriatronik – Assistenzrobotik für den Verbleib in den eigenen vier Wänden im Alter“ Ich sehe Garmisch-Partenkirchen als Modellkommune für Geriatronik.“ Die bayerische Staatsregierung denkt ähnlich. „Ziel ist es, älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben im Alltag zu ermöglichen“, erklärt Staatsminister Florian Herrmann (CSU). Weiterentwicklung des (teil-)autonomen Service-Humanoiden GARMI

Teil 1: Algorithmus-unterstützte Diagnosen auf dem Vormarsch

Teil 2: Künstliche Intelligenz ersetzt keine Ärzte

Teil 3: VR-Brille und 3D Drucker im OP

Nach oben