Spezial E-Health: Transformation verordnet

Algorithmus-unterstützte Diagnosen auf dem Vormarsch

Als erstes Universitätsklinikum heuerte die Charité Berlin einen Chief Digital Officer an. Dr. Peter Gocke verrät, an welchen Stellschrauben er dreht – und was ein virtueller Nephrologe kann.

Dr. Peter Gocke ist der erste Chief Digital Officer (CDO) der Berliner Charité
Dr. Peter Gocke
ist der erste Chief Digital Officer (CDO) der Berliner Charité (Foto: PR)

Umfassende Überwachung – das strebt die Berliner Charité in Sachen Nierenfunktion an. Dafür wurde eigens ein spezieller Algorithmus entwickelt, der die Werte der Patienten in Echtzeit checkt. Was es damit auf sich hat und warum die Zukunft in den Daten liegt, erzählt der Erste seiner Art in dem Klinikum: Chief Digital Officer Dr. Peter Gocke.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Was haben Sie seit Ihrem Amtsantritt 2017 als CDO in der Charité bewegen können?

Dr. Peter Gocke: Die Charité hat nicht erst mit der Berufung eines CDO damit begonnen, an der Digitalen Transformation zu arbeiten – und darüber hinaus ist eine Digitale Transformation insbesondere eines Unternehmens von der Größe der Charité eine gemeinsame Aufgabe für das gesamte Unternehmen. Die Position des CDO wurde geschaffen, um diesen Prozess weiter zu beschleunigen und sowohl den Aufbau als auch den Einsatz der Ressourcen zu koordinieren und eine Digitalisierungsstrategie zu entwickeln. Die Zukunft der Medizin ist datengetrieben und personalisiert. Die Digitalisierungsstrategie der Charité orientiert sich daran unter dem Leitgedanken „Medizin braucht Daten – Daten brauchen Sicherheit – Sicherheit erfordert Strukturen“ Unsere bisherigen und nächsten Schritte zielen darauf ab, diese Zukunft für unsere Patienten, aber auch für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu gestalten. Die Charité verfügt seit längerem über ein klinisches Informationssystem (KIS), führt aber seit zwei Jahren intensivierte Optimierungen durch und nimmt zusätzliche Funktionalitäten in Betrieb. Ein viele Themen verbindendes Element ist dabei eine neue Ausrichtung des Datenmanagements: statt die Daten wie bisher in vielen Silos und dort in oft unpassenden Formaten zu halten, bringen wir diese Daten auf einer gemeinsamen Plattform zusammen und achten dabei darauf, dort nur international gebräuchliche Standards zu verwenden. Diese Health Data Platform (HDP) stellt sowohl die Daten für die klinischen Prozesse bereit, als auch für Wissenschaft und Forschung – und ist darüber hinaus Trägerplattform für Algorithmen und KI-Systeme, aber auch für die Digitale Services für Patienten.

Welchen Stand hat die Digitalisierung in der Branche allgemein erreicht? Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich dar?

Gocke: Andere Branchen sind sicher weiter und auch schon länger „digitalisiert“ als die Gesundheitsbranche, aber weltweit nutzen Gesundheitssysteme zunehmend die Chancen der Digitalisierung, um die medizinische Versorgung sowohl zu verbessern als auch für die Zukunft sicher aufzustellen. Sieht man sich im internationalen Vergleichen das Abschneiden Deutscher Krankenhäuser z.B. im EMRAM-Score (Electronical Medical Record Adoption Model) der HIMSS (Hospital Information Management Systems Society) an, so landet Deutschland hier seit Jahren auf einem der hinteren Plätze. Auch im eigens entwickelten Digital-Health-Index der Bertelsmann-Stiftung belegt Deutschland den vorletzten Platz – Estland und Kanada hingegen die Ränge 1 und 2! Als Ursache wird angegeben, das der politische Konsens und das Engagement für die Digitalisierung z.B. in Kanada deutlich stärker ausgeprägt ist als in Deutschland. Kanada finanziert das Gesundheitssystem staatlich, lässt es jedoch durch die Provinzen verwalten. Eine eigens geschaffene Organisation („Canada Health Infoway“) agiert als zentrale E-Health-Koordinierungsstelle, legt die konkrete Maßnahmen und Implementierungsstrategien fest und organisiert auch um die Einführung einer interoperablen Elektronischen Patientenakte. Vielleicht sollten wir auch in Deutschland damit aufhören, Krankenhaus-Informationssysteme von jedem Krankenhaus in Eigenregie beschaffen, implementieren und betreiben zu lassen – und das auch noch mit jeweils maximalen Freiheitsgrad bei der inhaltlichen Ausgestaltung. Mehr Standards (Snomed CT, LOINC, HL7, IHE, …) und dabei mehr Interoperabilität müssen das Gebot der Stunde sein.

Teil 1: Algorithmus-unterstützte Diagnosen auf dem Vormarsch

Teil 2: Künstliche Intelligenz ersetzt keine Ärzte

Teil 3: VR-Brille und 3D Drucker im OP

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