Spezial eHealth: Wie geht es mir morgen?

Dialyse digitalisieren

Fresenius Medical Care ist ein globaler Player in der Branche. Von Algorithmen, die Gesundheitsvorhersagen treffen, erzählt Dr. Olaf Schermeier.

Dr. Olaf Schermeier ist promovierter Informatiker und Vorstandsmitglied für das Ressort Forschung und Entwicklung bei Fresenius Medical Care.
Dr. Olaf Schermeier
ist promovierter Informatiker und Vorstandsmitglied für das Ressort Forschung und Entwicklung bei Fresenius Medical Care (Foto: PR)

Für die weltweit rund 3,4 Millionen Menschen mit Nierenerkrankungen, die sich regelmäßig einer Dialysebehandlung unterziehen müssen, ist der Gang ins Krankenhaus oft traurige Routine. Was aber, wenn KI-basierte Analysesysteme sie vor einem unnötigen Aufenthalt bewahren können? Dr. Olaf Schermeier, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei Fresenius Medical Care, über die Macht der Algorithmen, neuartige Sensoren und warum es sich lohnt, auch über den kalifornischen Tellerrand zu blicken.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Die Medizintechnikbranche verändert sich. Wie wandelt sich Ihr Haus?

Olaf Schermeier: Wir arbeiten im Produkt- und auch im Servicebereich an vielversprechenden Zukunftsprojekten. Es geht zum Beispiel darum, Behandlungsabläufe zu automatisieren, sowohl im Dialysezentrum, als auch in der Heimdialyse. Unsere Teams entwickeln aber auch neuartige Sensoren und innovative Filtermembranen. Damit verbessern wir die Behandlungsqualität kontinuierlich, und gleichzeitig begegnen wir dem zunehmenden Kostendruck im Gesundheitswesen. Big data, predictive analytics, Patientienavatare – das sind Themen, mit denen sich vor allem unsere Kollegen in den USA intensiv auseinandersetzen. Ein ergänzendes Innovationsfeld ist der Bereich der Regenerativen Medizin. Wir verfolgen hier einen mehrgleisigen Ansatz und investieren über unser Tochterunternehmen Unicyte AG sowie Fresenius Medical Care Ventures in vielversprechende Technologien und Forschungsansätze. Dabei steht die Wiederherstellung der Organfunktion – und damit die Heilung des Nierenversagens – im Vordergrund.

Wo sehen Sie die drängendsten Probleme und Baustellen für den deutschen Gesundheitsmarkt auf dem Weg in die Digitalisierung?

Schermeier: Im internationalen Vergleich gibt es bei uns eine Vielzahl von Regulierungen und Einschränkungen. Unsere Gesetzgebung versucht natürlich, den Patienten und Verbrauchern den nötigen Schutz zu bieten. Allerdings schießen die Maßnahmen leider an einigen Stellen über das Ziel hinaus. Das macht Innovationen schwieriger und vor allem langsamer als nötig. Ganz generell ist die Bereitschaft, die Vorteile neuer Technologien im digitalen Bereich zu sehen, geringer als etwa in China oder den USA.

Bleiben wir bei der digitalen Transformation: Wo sehen Sie die spezifischen Herausforderungen bei der täglichen Arbeit?

Schermeier: Bisher haben wir uns vor allem mit Produkten und medizinischen Dienstleistungen beschäftigt. Nun wandern Softwareentwicklung und entsprechende Servicemodelle immer stärker in unseren Fokus. Unsere vertikale Integration von der Entwicklung von Produkten bis zur Dialysebehandlung ist dabei ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Unsere Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung können direkt mit Ärzten, Krankenschwestern und Patienten in unseren Kliniken zusammenarbeiten.

In den USA können Mediziner in einem Ärztenetzwerk bereits seit langem per Smartphone-App auf Patientendaten zugreifen. Die Informationen zur Diagnose, Medikamentengabe sowie etwa Notizen für die Übergabe an die Nachtschicht lassen sich von jedem der Ärzte abrufen – was bremst Sie hier in Deutschland noch aus?

Schermeier: Bei uns hat der Schutz der personenbezogenen Daten und insbesondere der Patientendaten einen deutlich höheren Stellenwert als in den USA. Und daran ist auch grundsätzlich nichts falsch. Wir müssen dennoch einen Weg finden, wie wir die Patientendaten schützen und gleichzeitig neue Innovationsmodelle damit ermöglichen. Dies bietet die Chance, dass die hier entwickelten Lösungen am Ende ein Alleinstellungsmerkmal haben: nicht nur datenbasierte Lösungen, sondern solche, in die Patienten und Verbraucher auch Vertrauen haben.

Inwieweit nutzt Fresenius Medical Care heute schon die Vorzüge Künstlicher Intelligenz?

Schermeier: Wir verfügen beispielsweise über viele Millionen Datensätze aus Dialysebehandlungen. In den USA nutzen wir diese Daten, um mit Hilfe lernender Systeme beispielsweise eine deutlich präzisere und individuelle Dosierung von Medikamenten vorzunehmen. Unsere Algorithmen treffen aber auch Vorhersagen über den gesundheitlichen Zustand unserer Patienten. So ermöglicht eines unserer KI-basierten Analyse-Systeme, das Risiko einer ungeplanten Krankenhauseinweisung für die nächsten sieben Tage mit hoher Präzision vorherzusagen – und entsprechend entgegenzuwirken.

Teil 1: Dialyse digitalisieren

Teil 2: Daten als Schlüssel

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