Spezial eHealth: Smarte Technik

Smarte Assistenten

Inzwischen mischen auch Branchenfremde wie Google und Co. in der Gesundheitsbranche mit. Welche Vorteile sehen wir für uns als familiengeführtes Traditionsunternehmen gegenüber diesen Big Playern im Markt?

Sternberg: Im Gegensatz zu den Technologiekonzernen kennen wir die klinischen Anwendungen und die Probleme, die es für unsere Kunden zu lösen gilt. Wir haben die Netzwerke und Möglichkeiten, bis auf die Ebene der Anwender zu interagieren. Großen Konzernen bleiben diese Wege meist verschlossen, sofern sie nicht bereits langjährig mit der Medizintechnik-Branche kooperieren. Neben diesen wertvollen Kundenbeziehungen sind die langjährig bestehenden Vertriebskanäle ein weiterer Vorteil. Diese sind bei B. Braun weltweit vorhanden. Der Aufbau solcher Vertriebskanäle ist für Neueinsteiger meist schwierig, kostspielig und dauert lange.

Dank Digitalisierung lassen sich Implantate, Prothesen oder Orthesen noch individueller an Patientenbedürfnisse anpassen. Gibt es auf diesem Gebiet Bedenken von Patientenseite was die „Preisgabe“ persönlicher (Körper-) Daten betrifft?

Sternberg: Meiner Meinung nach ist das eine Frage, die zu viel, möglicherweise ausschließlich, in Gremien von Gesunden diskutiert wird. Für eine patientenspezifische Versorgung werden in der Regel nur Daten benötigt, die anonymisiert keine Rückschlüsse auf den Patienten ermöglichen. Außerdem könnte für eine individuelle Versorgung auch eine individuelle Datenschutzerklärung mit dem Patienten vereinbart werden. Wenn der Patient nachweislich einen Mehrwert durch die Freigabe seiner Daten und die damit verbundene maßgeschneiderte, bessere Versorgung hat, wird er diese sicherlich ohne Bedenken unterzeichnen.

Die Transformation zur „Medizin 4.0“ erfordert ganzheitliche Sicherheitskonzepte. Inwieweit sind diese aktuell ausreichend gegeben?

Sternberg: Die Medizintechnik-Unternehmen sind dafür aus meiner Sicht auf Kooperationen, zum Beispiel mit Technologie-Unternehmen und ihren Healthcare-Plattformen, angewiesen. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Patientendaten zu schützen und Hackerangriffe auf sicherheitsrelevante Funktionen vernetzter Geräte zu verhindern. Diese Sicherheitskonzepte können die heutigen modernen Technologie-Unternehmen umsetzen. Außerdem lassen sich mittels Blockchain Daten derart schützen, dass sie nur für den Arzt und den Patienten lesbar sind. Medizin 4.0 bedeutet aber auch, dass sich Medizintechnik-Unternehmen wie Aesculap Gedanken darüber machen müssen, wie wir Anwendungen, bei denen wir KI zum Einsatz bringen möchten, validieren und zulassen können. Für den Einsatz von neuronalen Netzen in der Medizintechnik fehlen teilweise noch die rechtlichen Grundlagen.

Schafft die Möglichkeit, durch Digitalisierung individuelle Implantate herzustellen auch Bedürfnisse, diese für Gesunde zu entwickeln, um ihre Körper zu optimieren? Gibt es dafür Beispiele?

Sternberg: Ich denke nicht. Erstens ist das ethisch nicht vertretbar und zweitens sollte ein Implantat niemals das gesunde und funktionierende Original ersetzen. Hinsichtlich der Optimierung des menschlichen Körpers ist es wahrscheinlicher, dass sich Exoskelette etablieren werden. Überall dort, wo durch körperlich anstrengende Arbeiten und damit verbundene körperliche Fehlhaltungen früher oder später gesundheitliche Probleme entstehen, kann die Belastung durch Exoskelette verringert werden. Der Orthesen- und Prothesenhersteller Otto Bock ist beispielsweise auf diesem Gebiet tätig und bietet individuell anpassbare Exoskelette für die komfortable Überkopfarbeit in der Produktion oder im Handwerk an.

Inwieweit stellt uns die Wireless-Technologie für Medizingeräte vor Herausforderungen?

Sternberg: Neben den Vorteilen, die sich zweifelsohne durch den Einsatz der Wireless-Technologie auch bei Medizingeräten ergeben, sind folgende Herausforderungen zu beachten: Die Funktechnologie ist in vielen Fällen länderspezifisch reguliert. Dies bedeutet einen hohen Entwicklungsaufwand bei der Umsetzung und gegebenenfalls einen hohen Aufwand in Bezug auf die länderspezifischen Zulassungen. Außerdem unterliegen die Funkstandards im Umfeld der Kommunikationstechnologie sehr kurzen Innovationszyklen. Dies steht im Widerspruch zu den in der Regel recht langen Gerätelebenszyklen in der Medizintechnik. Die Wireless-Technologie zur Datenkommunikation stellt außerdem ein Einfallstor für unberechtigte Beeinflussung oder unberechtigten Zugriff auf Daten dar. Auch daran muss gearbeitet werden.

Wie sieht für Sie die Medizin der Zukunft aus?

Sternberg: Ärzte werden in Zukunft sicherlich routinemäßig roboterassistiert in vielen klinischen Indikationsfeldern arbeiten. Wir werden dabei eine routinierte Art Teamwork zwischen Mensch und Maschinen sehen. Zusätzlich werden Implantate wie künstliche Gelenke zunehmend mit Sensorik kombiniert sein, die zum Beispiel den Patienten über Belastungsspitzen bei verschiedenen sportlichen Aktivitäten informieren oder im Bedarfsfall bei lokalen Entzündungsreaktionen Medikamente abgeben. 3D-Drucker werden perfekt passende Implantate für einzelne Patienten modulieren. Individualisierte biologische Konstrukte werden immer mehr an Bedeutung erlangen und ihre Vorteile gegenüber künstlichen Implantaten gerade in den frühen Phasen der Therapiekaskade unter Beweis stellen. Menschliche Gewebe, zum Beispiel für den Ersatz von Knorpel, Haut, Blutgefäßen und Knochen, werden die Zukunft der Medizin bestimmen.

Spüren Sie eigentlich auch Digitalisierungs-Widerstand in der Branche?

Sternberg: Nein. Wieso auch? Das wäre nahezu fahrlässig und nicht zeitgemäß.

Teil 1: KI-gestützte Roboter

Teil 2: Smarte Assistenten

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