Spezial eHealth: Mobilität für Menschen

Selbstlernende Prothesen

Der Prothesenspezialist bei Ottobock bedient heute Bodyscanner und 3-D-Drucker. Science Officer Dr. Hans Dietl über Emotionen als treibende Kraft.

Dr. Hans Dietl ist Science Officer bei Ottobock. Er hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der industriellen und akademischen Forschung in den Bereichen Prothetik und Orthetik.
Dr. Hans Dietl
ist Science Officer bei Ottobock. Er hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der industriellen und akademischen Forschung in den Bereichen Prothetik und Orthetik (Foto: PR)

Hundert Jahre alt und doch in der Zukunft zu Hause: Der Prothesenhersteller Ottobock macht Menschen mit Handicap mobil. Mobil macht er auch in Sachen Innovation: Statt Holzbein bieten heute individuelle Hightech-Prothesen neue Selbstständigkeit. Welche Rolle der digitale Wandel im Traditionsunternehmen einnimmt und wie Ottobock dem Fachkräftemangel begegnet, verrät Science Officer Dr. Hans Dietl.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Wie sehen Sie die deutsche Health-Tech-Industrie im Vergleich zu internationalen Wettbewerbern aufgestellt?

Hans Dietl: Manche meinen, die hiesige Medizintechnikbranche sei traditionell eher konservativ, aber dem ist nicht so. Wir treiben wie andere deutsche Unternehmen die Digitalisierung unserer Geschäftsmodelle voran und bringen gleichzeitig kontinuierlich neue Technologien und Produkte auf den Markt, die den Anwendern spürbaren Nutzen bringen.

Wie digital ist Ihr Unternehmen an seinem 100. Geburtstag?

Dietl: Der digitale Wandel läuft bei uns auf Hochtouren. Unser Ziel ist es, die Versorgung in der Orthopädietechnik mit digitalen Mitteln noch besser zu machen. In der Praxis funktioniert das dann so: Statt wie bisher mit Gipsabdrücken erfasst der Orthopädietechniker die Masse der Anwender mit modernen Bodyscannern. Das wahrt die Intimität, spart Material und geht langfristig auch schneller. Basierend auf dem Modell und den individuellen Bedürfnissen des Anwenders kann er anschließend am Computer eine Orthese oder Prothese maßschneidern. Das finale Design wird dann digital an die Produktionsmaschinen wie Fräsen, Fertigungsroboter oder 3D-Drucker für die additive Fertigung übermittelt. Dieser Bereich heißt bei uns iFab, was für individuelle Fabrikation steht. Da Trockenzeiten und die manuelle Nachbearbeitung im iFab entfallen, hat der Techniker mehr Zeit, den Anwender individuell zu beraten.

Welche Regionen gehören zu Ihrem Vertriebsgebiet? Deutschland, Europa, die Welt?

Dietl: Wir sind in 58 Ländern auf der ganzen Welt mit unseren Produkten wie Prothesen, Orthesen, Rollstühlen oder Exoskeletten für die Anwendung in der Industrie vertreten. Neben unseren Kernmärkten, Europa und Nordamerika, konzentrieren wir uns auf die Versorgung von Menschen mit Handicap in Emerging Markets in Asien, Afrika und Lateinamerika. Hier spielen nicht zuletzt digitale Mittel eine große Rolle, um die Versorgung qualitativ hochwertig – gleichzeitig aber auch skalierbar und möglichst kostengünstig zu gestalten.

Von welcher Gruppe geht der Innovationsdruck in Ihrem Betätigungsfeld aus? Von den Patienten, den Forschern, den Wettbewerbern oder einer anderen Gruppe?

Dietl: Wir schauen natürlich, was unsere Wettbewerber machen, sind aber selbst Innovationsführer und stehen in engem Austausch mit Forschern an wissenschaftlichen Instituten und Universitätskliniken sowie natürlich unseren Anwendern. Gerade von letzteren bekommen wir hervorragenden Input, mit dem wir unsere Produkte noch weiter verbessern können. Zudem holen wir uns über unser Future Lab in Berlin Inspiration und Impulse aus der Start-up-Szene. Gerade Start-ups sind noch nicht so stark an definierte Prozesse oder Regularien gebunden. Da gibt es oft eine Vielzahl an unkonventionellen und disruptiven Ideen mit viel Potenzial für uns.

Teil 1: Selbstlernende Prothesen

Teil 2: Orthopädie der Zukunft

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