Mobilität für Menschen

Orthopädie der Zukunft

Wie stark sind Sie vom Fachkräftemangel betroffen?

Dietl: Wie wir sind fast alle Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften im Bereich Digitalisierung. Deshalb ist der Wettbewerb um IT-Spezialisten und Software-Entwickler entsprechend groß. Auch Fachkräfte mit Spezialthemen oder fachübergreifenden Qualifikationen sind gefragt, zum Beispiel aus dem Finanzbereich oder etwa Maschinenbauer, die Orthopädietechnik-Bezug haben. An unseren Standorten in Duderstadt, Wien, Austin oder Berlin bieten wir daher attraktive Arbeitsbedingungen und Flexibilität. Und dann haben wir glücklicherweise einen Unternehmenszweck – Menschen mobil zu machen –, der viele emotional anzieht.

Spüren Sie bei Patienten Bedenken, was die Preisgabe von persönlichen und Körperdaten betrifft?

Dietl: Wie überall, wo es um persönliche Daten geht, gibt es zumindest in Deutschland Vorbehalte. Das nehmen wir sehr ernst und gehen deshalb noch einen Schritt weiter als die vorgeschriebenen Regularien und Anforderungen der Behörden es erfordern. Für alle vernetzten Funktionen werden wir künftig ein sogenanntes Opt-in anbieten. Anwender, die der digitalen Vernetzung und drahtlosen Kommunikation ihrer Hilfsmittel kritisch gegenüberstehen, haben so die Möglichkeit, der Konnektivität der Prothese und der Verwendung ihrer Daten grundsätzlich zu widersprechen.

Welche Rolle spielt die Bereitschaft der Patienten, beispielsweise selbstlernende Prothesen zu nutzen?

Dietl: Mit Prothesen, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz selbst lernen, kehren wir erstmals das Verhältnis zwischen Anwender und Prothese um. Früher mussten Anwender lernen, die Prothese zu bedienen. Wenn das nicht auf Anhieb klappte, wirkte sich das oft negativ auf das Verhältnis aus. Dank Mustererkennung und ausgeklügelten Algorithmen lernt mit unserer Prothesensteuerung Myo Plus heute die Prothese vom Anwender. Über acht Elektroden im Schaft der Prothese liest sie die Muskelbewegungen im Stumpf des Anwenders, erkennt welchen Handgriff er machen möchte und setzt diesen dann automatisch um. Die Handhabung ist so besonders komfortabel und intuitiv, was die Therapietreue deutlich erhöht.

Individuell angepasste Implantate beispielsweise müssen teurer sein als Produkte von der Stange. Inwiefern schränkt die Finanzierbarkeit etwa durch Krankenkassen die Möglichkeiten auf Ihrem Gebiet ein?

Dietl: Natürlich ist es Teil unserer Vision, dass unsere Produkte und Technologien in der Breite verfügbar sind. Auf Seiten der Kostenträger haben wir neben den Krankenkassen auch die Berufsgenossenschaften als Partner in der Versorgung. Wenn jemand nach Unfall oder Erkrankung mit einer entsprechenden Prothese oder Orthese schnell wieder zurück in den Beruf kann, rechnet sich das, auch wenn die Versorgung auf den ersten Blick aufwendig erscheint.

Schafft die Möglichkeit, durch Digitalisierung individuelle Implantate herzustellen auch Bedürfnisse, diese für Gesunde zu entwickeln, um ihre Körper zu optimieren? Gibt es dafür Beispiele?

Dietl: Nicht alles, was technologisch machbar ist, lässt sich ethisch vertreten. Wir dürfen beim Streben nach technischer Perfektion den Menschen nicht vergessen. Es gibt aber auf jeden Fall einen Markt für Technologie, die vorhersehbare Schäden am menschlichen Körper vermeidet. Denken Sie an die ganzen Smart-Health-Angebote, die bei einer früheren Diagnostik helfen. Und mit unseren Exoskeletten aus der Paexo Produktfamilie schaffen wir bereits heute ergonomische Arbeitsplätze, an denen Menschen im Beruf fit und gesund bleiben. So etwas ist langfristig auch für den Privatgebrauch denkbar.

Teil 1: Selbstlernende Prothesen

Teil 2: Orthopädie der Zukunft

Nach oben