Spezial E-Health: Medizin nach Maß

Personalisierte Medizin ist die Zukunft

Werden sich die Strukturen in der Versorgung durch Digitalisierung verändern? Bekommt die ambulante Versorgung ein anderes Gewicht?

Ekkernkamp: Der flächendeckende Einsatz der ePA bringt für den ambulanten Bereich und die sektorenübergreifende Versorgung einige Vorteile mit sich. So könnte der niedergelassene Arzt alles sehen, was der Patient freigibt und alles, was das Krankenhaus an Informationen hat. Endlich wäre ein guter Austausch zwischen Arzt, Klinik und anderen medizinischen Leistungserbringern möglich. Ambulante Versorgung in ländlichen Regionen würde zudem deutlich einfacher, weil dank digitalgestützter Telemedizin der Austausch unter den niedergelassenen Ärzten, aber auch mit Klinikärzten deutlich einfacher wird. Letztendlich wird damit die Qualität der Versorgung verbessert – über alle Sektoren hinweg.

Inwieweit spielt Digitalisierung in Bezug auf den Fachkräftemangel eine entscheidende Rolle?

Ekkernkamp: Digitalisierung ist der Treiber zur Überwindung des Fachkräftemangels. Denn in absehbarer Zeit wird etwa der Mangel an Pflegekräften nicht durch zusätzliches Personal zu heben sein – weil es eben nicht genügend Pflegekräfte gibt. Ganz einfaches Beispiel: Die eine Klinik wirbt mit Flyern und Plakaten und kann trotz des großen personellen Recruitment-Aufwands nur ein gutes Dutzend neuer Mitarbeiter gewinnen. Die andere Klinik startet eine Facebook-Kampagne und hat in kürzester Zeit rund 300 Bewerbungen auf dem Tisch. Digitale Assistenz- und Unterstützungssysteme erlauben eine bessere Ressourcensteuerung und entlasten medizinisches Personal, nicht nur die Pflegekräfte, sondern auch Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten. Es bleibt mehr Zeit für die individuelle Betreuung der Patienten. Selbst die Verwaltung kann profitieren: Wir setzen im Sozialdienst eine Pflegeheim-Suche per App ein - mühsames Telefonieren nach einem freien Platz entfällt und spart viel Zeit.

Verändert die Digitalisierung auch das Arzt-Patienten-Verhältnis?

Ekkernkamp: Es gibt immer mehr mündige Patienten: Sie sind gut informiert und erwarten das auch von ihrem Arzt. Das macht sich vor allem auch in der prästationären Phase, insbesondere bei elektiven Eingriffen, bemerkbar: Schon zu Hause kann der Patient online den Aufklärungsbogen ausfüllen, Fragen zu Allergien, Vorerkrankungen oder Medikamentennutzung beantworten. Dem Arzt liegen dann schon viele relevante Informationen vor, die Behandlung kann zielgerichtet darauf aufbauen. Das steigert Effektivität und Effizienz. Gute Medizin-Apps können schon vor dem Praxis-Besuch helfen, die richtige Diagnose für eine Krankheit zu finden. Ärzte sollten das nicht als Konkurrenz sehen, sondern als Unterstützung und Chance: Es verbessert die Qualität der Kommunikation und stärkt letztendlich das Arzt-Patienten-Verhältnis. Das kann letztendlich nicht durch einen Algorithmus ersetzt werden.

Wie sieht für Sie die Medizin der Zukunft aus?

Ekkernkamp: Viele Hoffnungen ruhen auf der personalisierten Medizin: Genomforschung in Zusammenwirken mit Big-Data-Anwendungen sollen dazu führen, dass Medikamente individuell auf jeden Patienten zugeschnitten sind. Die 3-D-Drucktechnik ermöglicht jetzt schon, individuelle, passgenaue Implantate, etwa durch Tumordefekte, herzustellen. Unter Nutzung körpereigener Stammzellen werden schon bald Harnblasen oder Knorpel auf diesem Weg erzeugt werden können. Bis allerdings tatsächlich komplexe Organe wie Nieren oder Leber aus dem Drucker kommen, wird es wohl noch einige Jahre dauern. Roboter mit ihren hochintelligenten Mikrochips sind bei bestimmten Indikationen zu komplexeren und feineren Routine-Eingriffen fähig als Ärzte, die auch mal müde und dadurch vielleicht unkonzentriert sind. Letztendlich werden Roboter den Ärzten immer nur einen Teil ihrer Arbeit abnehmen können, aber sie nicht ersetzen. Bei der Medizin der Zukunft dürfen aber ethische Aspekte nicht außen vor bleiben: Wie weit darf Gen-Manipulation eingesetzt werden, um bestimmte Krankheiten zu heilen, wie weit haben Patienten ein Recht auf Uninformiertheit, wenn durch digitale Analysen unheilbare Erkrankungen vorhersehbar sind? Und: medizinischer, digitaler Fortschritt muss allen Bevölkerungsgruppen zugutekommen, nicht nur denen, die sich das leisten können.

Teil 1: Neue Perspektive für das Gesundheitswesen

Teil 2: Personalisierte Medizin ist die Zukunft

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