Reallabor des Wandels

Zeche Zollverein: Hotspot für Start-ups und Kreativwirtschaft

Tschüss, Kohle, hallo Zukunft: In Essen arbeitet Schacht One, die Digitaleinheit von Haniel, an neuen Geschäftsmodellen. Hier treffen gelebter Wandel und Start-up-Spirit aufeinander.

Bis 1986 ­wurde in der Zeche Zollverein Kohle gefördert, heute entstehen dort Ideen.
Industriedenkmal: Bis 1986 ­wurde in der Zeche Zollverein Kohle gefördert, heute entstehen dort Ideen (Foto: Getty Images/Lukas Bischoff)

Zeche Zollverein, Schacht 1. Es ist ein Ort von historischer Bedeutung für Haniel. Franz Haniel, ein Pionier im Zechentiefbau, förderte auf dem Gelände im Essener Norden erstmals im großen Stil Fettkohle durch einen verti­kalen Schacht. Das war im Jahr 1851 – und Haniel trieb damit die gerade beginnende Industrialisierung im Ruhrgebiet maß­geblich voran.

Kohle wird in der Zeche Zollverein seit 1986 nicht mehr gefördert. Inzwischen ist das Gelände Unesco-Weltkulturerbe und ein Hotspot für Start-ups sowie die Kreativwirtschaft. „Die Zeche ist ein Reallabor des Wandels“, sagt Dirk Müller, Geschäftsführer von Schacht One. „Hier trifft alte Industrie auf Digitalisierung.“ Schacht One ist die vor drei Jahren gegründete Digitaleinheit von Haniel. Das Portfolio des Family-Equity-Unternehmens umfasst aktuell sechs Geschäftsbereiche, unter anderem CWS und TAKKT. Die Aufgabe von Müller und seinem Team: Sie sollen genau dort, wo schon einmal Zukunftsweisendes gelang, wieder Innovatives zutage fördern – und so das 1756 gegründete Duisburger Familienunternehmen in eine erfolgreiche digitale Zukunft führen.

Ein Blick auf die Wall of Fame

„Dabei geht es nicht in erster Linie um Produktinnovationen oder Forschung und Entwicklung, sondern um die Anwendung von neuen digitalen Technologien“, sagt Müller. Was das in der Praxis konkret heißt, zeigt ein Blick auf die „Wall of Fame“ im Schacht-One-Büro: Mehr als 30 Projekte wurden zusammen mit Experten aus den Haniel-Unternehmen inzwischen angestoßen. Und bei einigen wuchs die Idee tatsächlich zum Start-up heran.

Remetal ist eines davon. Es gehört zu ELG. Das Unternehmen handelt mit Rohstoffen für die Edelstahlindustrie sowie Hochleistungswerkstoffen wie Titan, bereitet sie auf und recycelt sie. Über die Online-Plattform von Remetal können nun auch Privatper­sonen, Handwerker und kleine Unternehmen Abholtermine für ihren Schrott vereinbaren und werden dafür entsprechend bezahlt.

Ein weiteres Beispiel: my-nuju.de. „Das interne Start­-up nutzt ein innovatives Textil von Bekaert­Deslee, einem Hersteller von Stoffen für Matratzenbezüge, und hat einen Kissenbezug entwickelt, der die Haut pflegt und regeneriert, während man darauf schläft“, so Müller. Und dann ist da noch Bueromoe­bel­online.de. „Hier haben wir zusammen mit dem B2B-Spezialversandhändler TAKKT in kürzester Zeit das Geschäftsmodell in Deutschland validiert.“

Schnelligkeit schlägt Perfektion

In kürzester Zeit – darauf kommt es an: Ist ein Kundenbedürfnis identifiziert, soll eine Idee möglichst schnell Marktreife haben. Einen „Beschleuniger für die Digitali­sierung unseres Portfolios“ nannte Stephan Gemkow, Vorstandsvorsitzender der Franz Haniel & Cie., Schacht One bei der Gründung. Das heißt aber auch: Perfekt muss das erste Ergebnis noch nicht sein. Hauptsache machen. Learning by Doing eben. Oder aber: Denken wie ein Start-up. Was ein Traditions­konzern wie Haniel von einem Start-up lernen kann? „Vor allem das Mindset – also die absolute Kundenzen­triertheit, eine Test- und Lernmentalität und eine andere Sicht auf Kennzahlen“, sagt Müller.

Teil 1: Zeche Zollverein: Hotspot für Start-ups und Kreativwirtschaft

Teil 2: „Innovation muss einen Sinn haben."