Vordenker Automobilhersteller: Eine Sprache für alle

Die Zukunft ist elektrisch

Thomas Külpp, der Chief Information Officer bei Opel verfügt über Jahrzehnte an Erfahrungen in der Informationstechnik und spricht im Interview über die IT-Migration aller Peugeot Société Anonyme (PSA)-Marken und die Herausforderungen der digitalen Transformation bei Opel.

Thomas Külpp ist seit August 2017 Chief Information Officer bei Opel
Thomas Külpp
ist seit August 2017 Chief Information Officer bei Opel
(Foto: Philipp Möller/JDB MEDIA)

Seit knapp zwei Jahren gehört Opel zum französischen Automobilkonzern Groupe PSA. Dass inzwischen so etwas wie Alltag eingekehrt wäre, kann Thomas Külpp nicht behaupten. Der Opel-CIO verantwortet ein gigantisches IT-Migrationsprojekt. Das Ziel: Egal ob Opel, Peugeot, Citroën oder Vauxhall – jedes Modell soll in jedem Werk von PSA hergestellt werden können. Damit das möglich wird, sollen 1.350 IT-Systeme in 880 Tagen umziehen. Von der Fertigungssteuerung über Logistik-, Finanz- und Vertriebsanwendungen bis hin zu Office und dem Mailprogramm – alles muss erst einmal von der einstigen Opel-Mutter General Motors (GM) gelöst werden. Für Külpp gilt es, die IT in die Systemlandschaft von PSA zu überführen.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Was hat sich durch den Wechsel von Opel zur Groupe PSA für Sie in der IT geändert?

Thomas Külpp: Bei General Motors waren wir Teil einer mächtigen, zentral geführten IT-Organisation mit mehr als 10.000 Mitarbeitern. Heute ist die IT von Opel nur noch rund 600 Mann stark. Aber wir haben jetzt deutlich mehr Freiheiten, mehr Entscheidungsbefugnisse und Einflussmöglichkeiten.

Wie hat sich die Rolle der IT-Abteilung bei Opel gewandelt?

Külpp: Opel setzt mit dem Programm PACE! den strategischen Rahmen, an dem sich auch die IT ausrichtet. Die zentrale Botschaft lautet: Opel soll nachhaltig profitabel, global und elektrisch werden. Bis 2020 bringen wir vier elektrifizierte Versionen bekannter Modelle auf den Markt, darunter der Corsa als reines Elektroauto und das SUV Grandland X als Hybrid. Für die IT bedeutet das zuallererst, dass wir die Migrationsaufgaben zügig erledigen und dabei besonders auf die Kosten achten müssen. Neben niedrigeren Kosten für Softwarelizenzen sparen wir auch beim Betrieb von Großrechnern. So wurde etwa der Mainframe von den USA nicht erst nach Rüsselsheim, sondern direkt nach Frankreich umgezogen und mit dem dort Vorhandenen konsolidiert.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der IT-Migration?

Külpp: In Zukunft sollen Autos aller PSA-Marken in jedem Werk gebaut werden können, also beispielsweise auch ein Peugeot vom Band einer klassischen Opel-Fertigung laufen. Dafür muss die IT die Voraussetzungen schaffen und sicherstellen, dass bei Opel in Sachen Fertigung die Sprache von PSA gesprochen wird. Eine besonders diffizile Aufgabe ist dabei die Transkodierung. Mein Team hat Übersetzungs-Tools für den Übergang vom alten ins neue Product-Lifecycle-Management-System entwickelt. Diese Art der Übersetzung wird für die Fertigung, den Vertrieb, Aftersales und den Finanzbereich benötigt. Wie so oft steckt der Teufel im Detail. So werden im GM-System achtstellige Teilenummern verwendet, im PSA-Kosmos zehnstellige. Es ist eine riesige Aufgabe, diese verschiedenen Welten bei allen Modellen, in allen Werken und auf allen Märkten in Einklang zu bringen.

Worin bestehen die größten Herausforderungen bei der digitalen Transformation im Automobilbau?

Külpp: Sie betrifft sämtliche Bereiche. Denken Sie nur an Cloudlösungen, Künstliche Intelligenz oder das Internet of Things. Hier können und müssen die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft von Opel gestellt werden. In der Fertigung setzen wir schon seit Längerem auf Predictive-Maintenance-Lösungen, die etwa für die Schweißzangen-Optimierung genutzt werden. Eine wichtige Rolle spielen Analytics-Systeme im besonders sensiblen Bereich CO2-Emissionen. Die entscheidende Frage, und nicht nur für Opel, lautet: Wie schaffen wir es, mit der gesamten Fahrzeugflotte die immer strengeren CO2-Vorgaben zu erfüllen? Auch externe Rahmenbedingungen sorgen für enorm viel Arbeit. Die Datenschutz-Grundverordnung, das neue WLTP-Verfahren für Verbrauchs- und Abgastests und nicht zuletzt der Brexit halten unsere IT-Abteilung mit der starken Präsenz von Opel/Vauxhall in Großbritannien zusätzlich ganz schön auf Trab.

Als eine Art Faustregel der Digitalisierung gilt: Wer sich dem Wandel nicht stellt, läuft Gefahr, von disruptiven Entwicklungen aus dem Geschäft geworfen zu werden. Wie hat sich das Verhältnis von etablierten Playern und Angreifern in Ihrer Branche entwickelt? Wie reagiert Opel darauf?

Külpp: Als eine Art Faustregel der Digitalisierung gilt: Wer sich dem Wandel nicht stellt, läuft Gefahr, von disruptiven Entwicklungen aus dem Geschäft geworfen zu werden. Wie hat sich das Verhältnis von etablierten Playern und Angreifern in Ihrer Branche entwickelt? Wie reagiert Opel darauf? Külpp: Der Wandel in der Branche ist so einschneidend und vollzieht sich so schnell wie nie zuvor. Wir stellen uns dem Wandel, wir passen uns an. Neben den genannten externen Rahmenbedingungen gibt es die Megatrends wie Carsharing, das wir in der Groupe PSA mit Free2Move abdecken, autonomes Fahren, Konnektivität oder Elektromobilität, um nur einige zu nennen. Vor allem in Sachen Elektrifizierung treiben wir den Wandel und sind sehr gut aufgestellt. Neben den schon genannten Modellen Corsa und Grandland X kommt 2020 auch der komplett neue Vivaro in einer rein batterie-elektrischen Variante. Das ist der Startschuss der Elektrifizierung im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge. Schon 2024 werden wir dann sämtliche Modelle auch in einer elektrifizierten Variante anbieten. Um uns auf die Zukunft der Mobilität vorzubereiten, beschäftigen wir uns natürlich auch mit dem Thema Infrastruktur. So simulieren etwa im Rüsselsheimer „E-Mobility Lab“ Techniker schon heute die mobile Welt des Jahres 2035. Wir wollen verstehen, wie beispielsweise ein Stromnetz in so einem Szenario funktionieren muss. Dabei geht es auch um die Frage, wie eine effiziente Ladeinfrastruktur aussehen könnte. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Public-Cloud-Nutzung. Wir sind dazu in Gesprächen mit großen Anbietern und testen diesen Megatrend, um seine Vorteile nutzen zu können.