Spezial: E-Health - Medizin der Zukunft: „Wir müssen Grenzen verschieben“

Digitalisierung des Gesundheitswesens

Nichts Geringeres als die E-Health Revolution hat sich Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, zum Ziel gesetzt. Im Interview spricht er über die Pflicht der Krankenkassen eine gemeinsame Marschrichtung einzuschlagen, die elektronische Patientenakte und über die Kooperation mit Start-Ups.

Dr. Jens Baas sitzt seit 2012 Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse
Dr. Jens Baas
sitzt seit 2012 Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse
(Foto: PR)

Letztens beim Zusammenzimmern seines Carports wollte das Handgelenk von TK-Vorstand Jens Baas einen Krankenwagen rufen. Genauer gesagt war es seine Smart-Watch, die das Hämmern als Zeichen eines schweren Sturzes wertete. Auch wenn die Uhr in diesem Moment falschlag, zeigt sie doch das Potenzial, das in einem digitalisierten Gesundheitswesen steckt. Eine Uhr, die bereits mit den eigenen Gesundheitsdaten verknüpft ist, könnte zum Beispiel einschätzen, ob ein erhöhtes Schlaganfallrisiko vorliegt – und im Notfall Hilfe anfordern. So Baas’ Vision. Nicht nur deshalb setzt die TK auf die Einführung einer elektronischen Gesundheitsakte. Sie bietet die Möglichkeit, Gesundheitsdaten zu vernetzen – eine nötige Offensive, um im absehbaren Konkurrenzkampf gegen Google & Co. bestehen zu können.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Die Bertelsmann Stiftung untersuchte das Gesundheitswesen in 17 Staaten auf seinen Digitalisierungsgrad. Deutschland belegt Rang 16. Holen wir den Rückstand noch auf?

Jens Baas: Wir müssen ihn aufholen, weil es wirklich peinlich ist, dass wir als fortschrittliches Land ausgerechnet in diesem Bereich dermaßen hinter­herhinken. Länder wie Estland sind uns hier zumindest in Teilbereichen weit voraus. Allerdings darf man auch nicht alles, was anderswo gemacht wird, einfach unkritisch zum Vorbild nehmen. So entspricht vieles von dem, was wir in anderen Ländern sehen, bei Weitem nicht unseren Ansprüchen. Das Thema Datenschutz ist so ein Beispiel. Nur kann das ja keine Entschuldigung sein, warum wir es nicht selbst besser zu machen versuchen. Der wahre Grund, warum wir beim Thema Digitalisierung des Gesundheitswesens oft so schlecht abschneiden, ist leider meist ein sehr banaler: Das bisherige System funktioniert – und viele Leute leben sehr gut darin. Da ist die Veränderungsbereitschaft natürlich nicht ganz so groß.

Liegt das auch daran, dass die Politik jahrelang auf Selbstverwaltung im Gesundheitswesen setzte?

Baas: Nein, ich glaube, damit macht man es sich zu einfach. Das Selbstverwaltungsprinzip finde ich gut und sinnvoll. Fakt ist jedoch, und das muss man schon selbstkritisch sagen, dass die Selbstverwaltung die Digitalisierung nicht an jedem Punkt so schnell voran­gebracht hat, wie wir es uns gewünscht hätten.

Wie schätzen Sie den Angriff von Amazon, Google & Co. auf den deutschen Gesundheitsmarkt ein?

Baas: Es gibt unglaublich viele unerfüllte Bedürfnisse im deutschen Gesundheitssystem, gleichzeitig ist es ein riesiger Markt mit über 80 Millionen Menschen. Diese beiden Faktoren machen das Gesundheitswesen attraktiv, und daher sehen wir bereits, wie internationale Tech-Riesen in diesen Markt drängen. Das scheint auf den ersten Blick gar nicht so verkehrt, weil Angebote entstehen, die attraktiv für die Versicherten oder Patienten sind. Aber wir laufen damit Gefahr, dass unsere Branche ein Uber- oder Airbnb-Effekt ereilt. Das hieße: Die Menschen befragen erst einmal Alexa oder Siri zu ihrem gesundheitlichen Problem, diese offerieren dann eine mögliche Diagnose, nennen gleich noch den besten Spezialisten, machen einen Termin und rufen ein Taxi – für den Nutzer scheinbar ein perfekter Rundumservice. Das Problem in diesem Szenario: Es würde genauso wie etwa bei Hotelportalen nicht nur strikt nach Qualität, sondern auch nach ökonomischen Gesichtspunkten gesteuert werden. Nicht das Wohl des Patienten steht im Vordergrund, sondern ökonomische Interessen.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine gemeinsame Marschrichtung der Krankenkassen unumgänglich.

Baas: Ja, ich halte das für extrem wichtig. Aber nicht nur die Krankenkassen sollten hier zusammenhalten, sondern alle am Gesundheitswesen Beteiligten, also vor allem auch die Leistungserbringer. Wenn wir den globalen Playern begegnen wollen, müssen wir an einem Strang ziehen. Sehen Sie nur mal auf Ihre Geräte, dann wird klar, welche Gesundheitsdaten Apple und Google bereits heute besitzen. Wir müssen aufhören mit diesen Klein-Klein-Streitigkeiten untereinander, denn mit diesen Giganten kommt eine Veränderung auf das gesamte System zu. Und auch wenn das viele denken: Regulierung wird uns vor dieser Revolution nicht schützen. Es wäre blauäugig zu ­glauben, dass die Politik für alle Ewigkeiten etwas verbietet, was die Menschen haben wollen.

Teil 1: Digitalisierung des Gesundheitswesens

Teil 2: Vision der Zusammenarbeit

Teil 3: Das Zukunftsgeschäft E-Health