Vordenker Mobilität: Die unendliche Reisegeschichte

Wie man bei Lufthansa das Reisen neu denkt

Dr. Christian Langer, Chief Digital Officer der Lufthansa Group, erdenkt das zukünftige Reisen. Für ihn ist klar: Der Flug allein reicht nicht. Es muss von Tür zu Tür reibungsloser werden.

Dr. Christian Langer ist Chief Digital Officer Lufthansa Group und Managing Director Lufthansa Innovation Hub

Dr. Christian Langer ist Chief Digital Officer Lufthansa Group und Managing Director Lufthansa Innovation Hub (Illustration: JDB MEDIA/Philipp Möller)

Das Gebäude grau, das Büro spartanisch. Doch nicht die Verpackung, der Inhalt zählt. Ortstermin bei Lufthansa Technik in Hamburg. Ein riesiges Areal mit Industriecharme, auf dem sich Werkstätten, Ersatzteillager, Hangars, aber eben auch der Digitalchef der Lufthansa-Gruppe finden. Eine zu wenig inspirierende Um­gebung? Christian Langer winkt ab. Bällebad, Kickertisch und Hängematte braucht er nicht, um Zukunft zu denken. Im Exklusivinterview teilt er seine Vision von Mobilität.

DUB-UNTERNEMER-Magazin: Wie werden wir in Zukunft reisen?

Christian Langer: Dass das Bedürfnis nach Mobilität wächst, ist ja nichts Neues. Die Kernfrage, die mich dabei umtreibt, ist, inwieweit Reisen für die meisten Menschen einen zwar notwendigen, aber unerwünschten Stressfaktor darstellt. Warum reisen wir überhaupt? Um zu interagieren – zum Beispiel mit einem Kunden im Rahmen einer Geschäftsreise – oder um etwas zu erleben. Aber wenn ich jetzt in manche Zukunftslabore schaue, glaube ich, dass der Impuls, etwas vor Ort zu erleben, durch den Einsatz virtueller Realität geringer wird. Warum zum Sport-Finale fliegen, wenn die verfügbaren Karten ohnehin rar und teuer sind und ich auch auf meinem heimischen Sofa das Gefühl habe, live dabei zu sein? Wenn dazu noch Videokonferenzen technisch besser laufen als heute, werden auch viele Geschäftsreisen obsolet. Das nächste Betriebssystem wird nicht mehr Windows, sondern es könnte „Doors“ heißen. Denn es wird eine Art virtuelle Tür sein, durch die ich in einen Besprechungsraum trete. Über „Doors“ sitzen wir gefühlt tatsächlich zusammen, obwohl wir uns an unterschiedlichen Orten befinden.

Werden solche Reisen also bald ganz überflüssig? Wenn aber das Mobilitätsbedürfnis bleibt: Wie sieht es künftig aus?

Langer: Natürlich gibt es gute Gründe zu reisen, daher auch das wachsende Bedürfnis nach Mobilität. Die Luft am Strand von Malibu riecht eben anders als die in Frankfurt-Höchst. Auch die zwischenmenschliche Begegnung ist durch nichts ersetzbar. Ich glaube aber nicht, dass Sie in 30 Jahren noch zu jedem Interview fliegen. Fakt ist: Der Anspruch an stressfreies Reisen wird umso größer, je besser die Möglichkeiten werden, Erlebnisse oder Interaktionen bereitzustellen, ohne sich vom heimischen Sofa erheben zu müssen. Entsprechend wächst der Anspruch an uns Mobilitätsanbieter, Reisen immer reibungsloser ablaufen zu lassen. Das fängt mit der Fahrt zum Flughafen selbst an. „Von Tür zu Tür“ muss hier der Denkansatz lauten.

Sprich: Mobilitätsanbieter müssen kooperieren?

Langer: Definitiv – und wir müssen auch das Erlebnis Reise durchdenken. Wenn Sie in der S-Bahn oder im Bus zum Hamburger Airport sitzen, dann haben Sie kostenloses WLAN. Aber wenn Sie unterwegs Musik oder Filme konsumieren möchten, brauchen Sie Ihren Spotify- oder Netflix-Zugang, für den Sie zahlen. In Flugzeugen ist es in der Regel andersherum: Sie zahlen für den Internetzugang, bekommen aber das Entertainment umsonst. Was ist die Marktlogik dahinter?

Zurück zur Zukunft der Mobilität. Welches Szenario ­ sehen Sie?

Langer: In einem Flugzeug ist es legal, ja sogar vorgeschrieben, einem Menschen zehn Stunden lang einen festgelegten Sitzplatz zuzuweisen, in dem er sich dann – bis auf kurze Momente – aufhalten muss. Und wenn Sie jemanden während eines Interkontinentalflugs an einem Platz festhalten, müssen Sie ihn irgendwie unterhalten. Sie müssen ihm etwas zu essen geben, die Möglichkeit bieten, zu ruhen und zu kommunizieren. Je autonomer jetzt das Autofahren wird, desto mehr gilt dasselbe künftig auch für Autobauer. Das Erlebnis wird zusammenwachsen – und so muss es ebenso die Infrastruktur dahinter. Autos mit Nasszelle: Ist das wirklich eine Utopie?

Das Unternehmen: Die Lufthansa Group war 2018 mit 142 Millionen Fluggästen die Airline mit den europaweit meisten Passagieren. Die Deutsche Lufthansa AG ist im Dax notiert.

Teil 1: Wie man bei Lufthansa das Reisen neu denkt

Teil 2: Yilu: Lufthansa plant Reise-Operating-System

Teil 3: Lufthansa: Forschen an der Reise von morgen

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