Von null auf digital

Estlands Weg zur digitalen Vorzeigenation

Estlands Verwaltung braucht kein Papier, kennt keine Landesgrenzen und baut auf die Blockchain-Technologie. Wie das winzige Land die Digitalisierung meistert.

Ein digitaler Personalausweis steckt in einem Laptop. Es ist der Schlüssel zu Estlands Online-Verwaltung.

Digitaler Personalausweis: Der Schlüssel zu Estlands Online-Verwaltung (Foto: PR)

Hätte ich doch bloß die Esten angerufen, als wir die Website für unser Gesundheitssystem eingerichtet haben.“ Dieser Satz stammt von niemand Geringerem als dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Aber weshalb sollte die stolze Weltmacht, Heimat von Silicon-Valley-Legenden wie Google, ­Facebook oder Apple, ausgerechnet das Mini-Land im äußersten Nordosten Europas um Hilfe bitten?

Die Antwort: Die Esten haben etwas, was sonst niemand hat, nicht einmal die USA: den digitalen Staat. „Wir führen jeden Tag mehrere Delegationen aus aller Welt durch das digitale Estland namens E-Estonia“, sagt Indrek Õnnik, Projektmanager bei Enterprise ­Estonia. Und weil diese digitale Welt aus Nullen und Einsen schwer greifbar ist, gibt es in der Hauptstadt Tallinn einen Showroom. Das Licht ist heruntergedimmt, Wasser wird in Weingläsern serviert. Überall an den Wänden laufen Videoclips heimischer Start-ups, daneben stehen ihre Erfindungen. Von Software bis zum Paketroboter.

Digital-Tourismus

Das Herzstück des Showrooms aber bilden eine große Projektionsleinwand und mehrere Reihen bequemer Sessel, in denen 2016 auch schon Bundeskanzlerin ­Angela Merkel Platz genommen hat. Daneben steht Õnnik mit seinem Laptop und spult routiniert beeindruckende Fakten ab: Estland ist das Land mit den meisten Start-ups pro Einwohner, spart dank der digi­talen Verwaltung zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr und jeden Monat einen Papierstapel, der zweimal so hoch ist wie der Eiffelturm.

Und dann zieht Õnnik das Erfolgsgeheimnis von E-Estonia aus der Tasche seines Jacketts: den digitalen Personalausweis. Er schiebt die Karte in den Laptop und loggt sich ein. Alle Daten, die er je dem Staat anvertraut hat, sind fein säuberlich sortiert abrufbar, ebenso die Services von Vater Staat. Die Steuererklärung? In drei Minuten erledigt. Ein Auto verkaufen? Fünf Klicks. Ein Unternehmen gründen? 15 Minuten. „Nur zum Heiraten oder Immobilienkauf muss man noch persönlich zum Amt gehen“, erklärt Õnnik.

In Estland entwickelt, von der Nato übernommen

Aus Sicherheitsgründen werden Daten nicht zentral gespeichert, sondern bei der zuständigen Behörde. Übertragen werden sie verschlüsselt. „In Estland hat der Bürger die Hoheit über seine Daten“, erklärt Taavi Kotka, der als ehemaliger Chief Information Officer der estnischen Regierung maßgeblich an der Einführung der digitalen Ausweise beteiligt war. „Außerdem darf der Staat jede Information nur einmal abfragen.“ Um Änderungen nachvollziehbar zu machen, werden alle Datenzugriffe protokolliert. Dafür nutzen die ­Esten seit 2008 eine eigene Version der Blockchain-Technologie, die inzwischen auch die Nato, die EU und das US-Verteidigungsministerium einsetzen.


Teil 1: Estlands Weg zum digitalen Staat

Teil 2: Disruption der Nationen?

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