Neuer Fahrplan

Deutsche-Bahn-Digitalchefin krempelt Konzern um

Verspätungen, ein überlastetes Schienennetz und neue Konkurrenten – die Deutsche Bahn muss für die digitale Transformation fit gemacht werden. Eine große Aufgabe für Sabina Jeschke.

Leuchtender Bahnsteig: Die Lichter sollen das Einsteigen beschleunigen – zunächst nur in Bad Cannstatt

Leuchtender Bahnsteig: Die Lichter sollen das Einsteigen beschleunigen – zunächst nur in Bad Cannstatt (Bild:PR)

"Die Bahn wird in der Öffentlichkeit nicht gerade als Held der Innovation angesehen, doch wer in das Unternehmen hineinschaut, bekommt ein ganz anderes Bild“, sagt Sabina Jeschke, bis vor Kurzem Professorin für Maschinenbau in Aachen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehörten unter anderem „Robotik und Automatisierungstechnik“ und „Künstliche Intelligenz“, seit inzwischen einem halben Jahr ist sie Vorständin für Digitalisierung und Technik bei der Deutschen Bahn.

Busse ohne Fahrer

Und dort findet sie genug Beispiele für Innovationen vor: So kann die digitale Weichendiagnose den Reparaturbedarf bei Frost oder Verschleiß erkennen, und der autonom fahrende Linienbus der DB-Tochter ioki fährt erfolgreich in Bad Birnbach. Er fährt dort nach einem Fahrplan drei Haltestellen an. Perspektivisch will ioki aber autonomes Fahren und On-Demand-Mobilität verknüpfen. Auch in Hamburg ist es seit Juli möglich, zumindest in einigen Stadtteilen, per App ein Sammeltaxi zum Tarif des öffentlichen Nahverkehrs zu bestellen. Spätestens 2020 sollen in der Hansestadt auch autonome Busse sowie Pkw fahren.

Bei den im Platooning-Verbund rollenden Lastwagen der Bahntochter Schenker fahren zumindest die hinteren autonom; nur der erste Wagen wird vom Fahrer gelenkt. Die hinteren Lkw sind mit dem vorderen vernetzt und können so in dessen Windschatten treibstoffarm und autonom fahren. Die Personen in den Führerhäusern sind eine bloße Sicherheitsmaßnahme.

Überfüllte Bahnhöfe und Gleise

Das sind viele Schritte auf dem Weg zur Digitalisierung. Das langfristige Ziel von Jeschke: sich als Digitalisierungschefin überflüssig zu machen. Da ist noch viel zu tun. Die Großbaustellen heißen Pünktlichkeit und Qualität, vor allem in den Ballungszentren. Da sind beispielsweise die überlasteten Bahnhöfe: Die Ein- und Aussteigezeiten der Passagiere sind zu lang. Jeschke: „Das Rätsel, warum selbst an überfüllten Bahnsteigen die Passagiere alle durch dieselbe Tür einsteigen wollen, wird wohl niemand lösen können.“

Die DB versucht durch leuchtende Bahnsteigkanten Abhilfe zu schaffen, entwickelt von einem von der Bahn geförderten Start-up. Leuchtstreifen können anzeigen, wo genau die Türen zum Stehen kommen und in welchen Waggons es noch freie Sitzplätze gibt. Dazu wurden einige Testzüge mit Kameras ausgestattet, welche die Auslastung im Waggon an die Bahnsteigkante übermitteln. Bisher existieren sie nur im schwäbischen Bad Cannstatt. Wenn dieser Test überzeugende Ergebnisse bringt, können weitere Bahnsteige nachgerüstet werden.

Neue Konkurrenz: Google, Amazon und China

Auch das Schienennetz stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Dort weist ebenfalls die Digitalisierung in die Zukunft: Das System heißt European Train Control System (ETCS). Über die Gleise registriert es, wo die Züge wie schnell fahren. Der Bordcomputer im Zug errechnet, wann er beschleunigen kann oder abbremsen muss, etwa weil er sonst zu dicht auf den nächsten Zug auffahren würde. „Wenn der hintere Zug weiß, was der vordere macht, bremst er automatisch mit. Das macht Blockabstände überflüssig – und es könnten 20 Prozent mehr Züge fahren“, so Jeschke. Gerade in Ballungsräumen wäre dies von großem Vorteil.
Die Zeit drängt, die Konkurrenz schläft nicht.

So müsse die Bahn ihr Angebot des intermodalen Reisens weiter stärken, also neben Zug, Bus und S-Bahn auch Leihwagen und Stadtrad anbieten. Schließlich wohnt nicht jeder am Bahnhof. Jeschke: „Der Verkehr in den Innenstädten wird sich weiter vom Auto weg entwickeln. Innerstädtische Mobilität muss die Bahn besetzen – oder andere tun es.“ Zum Beispiel Uber oder Google, das bereits über eine Fülle von Daten zur individuellen Mobilität verfügt und daraus Konkurrenzangebote entwickeln kann. Oder Amazon, das zwar keine Bahntickets verkauft, aber vielleicht bald Transportdienstleistungen anderer Anbieter. Höchste Zeit für die Bahn, eine übergeordnete Datenstrategie zu entwickeln.

Digitale Zwillinge

Auch im Zugbau wächst der Wettbewerb: China sucht den Einstieg in den europäischen Markt. „Der europäische Zugbau mutet an wie eine Manufaktur, vergleicht man ihn damit, wie in China Züge gebaut werden“, sagt Jeschke. Die dort gebauten Züge hätten vielleicht noch gewisse qualitative Unterschiede, doch die Chinesen holen auf.

Jeschke hat noch den Blick von außen und weiß: Es könnte alles ganz anders sein. Zum Beispiel der Fahrplan: „Jedes Jahr schrauben wir am vorhandenen Fahrplan, um ihn zu verbessern. Ob es der bestmögliche ist, werden wir nie wissen.“ Man müsste einen ganz neuen Fahrplan entwickeln, quasi eine Komplettsimulation. Doch: „Dafür bräuchten wir für die gesamte Bahn digitale Zwillinge, und die haben wir zurzeit nur für einzelne Teilbereiche.“

Gleisbauer mit Nerds vereint

Jeschke ist eine Macherin, das hat sie bereits bewiesen. Doch als Vorstandsmitglied kommt es auch darauf an, die Mitarbeiter auf die digitale Reise mitzunehmen. Manche Kollegen mit der Kernkompetenz im Anlagenbau seien eher konservativ und müssen sich jetzt mit dem Thema Blockchain befassen. Doch: „Von unseren rund 4000 Führungskräften habe ich großen Zuspruch erfahren“, erzählt Jeschke. Das Ressort, dem sie vorsteht, hieß bisher nur „Technik“, die Digitalisierung kam durch sie nun dazu. „In diesem neuen Ressort haben wir junge und alte Mitarbeiter vereint, die Nerd-Community mit den Gleisbauern.“ Voneinander lernen könnten beide Seiten.

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