Neue Strukturen bilden

Deutschlands Digitalisierung hinkt

Agilität ist für den weltweit tätigen Business-Software-Anbieter IFS die Voraussetzung für Konkurrenzfähigkeit. Dafür setzt CEO Wilfried Gschneidinger auf Arbeit 4.0.

Wilfried Gschneidinger, CEO IFS (Foto: PR)
Wilfried Gschneidinger,
CEO IFS (Foto: PR)

Digitalisierung ist das tägliche Brot für das IT- Unternehmen IFS. Die wahren Herausforderungen liegen in der fortwährend nötigen Neuorganisation von Arbeitsteams, dem Etablieren ausbaufähiger Infrastrukturen und in Jungakademikern mit Fokus auf Work-Life-Balance.

In Deutschland haben technologischer Wandel und Innovation in der Regel eher evolutionär und nicht revolutionär stattgefunden. Sind wir zu wenig disruptiv für die Zukunft?

Wilfried Gschneidinger: Nein, ich glaube nicht, dass wir per se zu wenig disruptiv für die Zukunft sind. Wir sind im Moment nur noch viel zu langsam und zu defensiv. Deshalb hinken wir anderen Nationen und Kulturen bislang auch noch hinterher. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass sich das bald ändern wird.

Welche Bereiche haben nach Ihrer Einschätzung den größten Nachholbedarf bei der Digitalisierung?

Ämter und Kommunen versäumen es, den hohen Erwartungen der Bürger gerecht zu werden, und lassen viel Potenzial zur Kostenoptimierung und Effizienzsteigerung liegen. Generell gibt es zudem große Defizite in der Ausbildung, bei der das Thema Digitalisierung noch viel zu kurz kommt.

Wie beurteilen Sie steigende IT-Risiken in einer digitalisierten Gesellschaft?

Gschneidinger: Diese Sicherheitsrisiken zählen zu den größten Schwachstellen der Digitalisierung. Alles wird offener und damit auch schwieriger zu überwachen und zu schützen. Das kann extrem gefährlich werden. Die vielen Fake-News in den Sozialen Medien sind ein kleines Beispiel dafür, wie schwer sich die Einhaltung von Spielregeln in einer digitalisierten Gesellschaft kontrollieren lässt.

In Europa gibt es die „Charta der digitalen Grundrechte“ für Datenschutz und Privatsphäre. Beschreiten wir damit in digitalen Zeiten eher den Holz- oder den Königsweg?

Gschneidinger: Der europäische Weg ist auf jeden Fall der komplexere, das steht zweifelsfrei fest. Er ist aber meiner Meinung nach weder der Holz-, noch der Königsweg. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte der beiden Extreme. Wir brauchen digitale Lösungen, welche sowohl den Interessen der Wirtschaft als auch dem Schutz der Privatsphäre bestmöglich gerecht werden.

Wie haben sich Mittelständler auf die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung eingestellt?

Gschneidinger: Die wenigsten Unternehmen sind gut vorbereitet. Viele wissen auch gar nicht, wo sie starten sollen. Das liegt unter anderem daran, dass diese Verordnung sehr schwer verständlich ist. Vor allem für den Mittelstand ist sie deshalb eine große Bürde. Schlimmsten-
falls kann sie sich zu einem Desaster entwickeln. Es gibt zwar Software-
lösungen, die Unternehmen bei der Umsetzung bestmöglich unterstützen. Die Umsetzung liegt aber in der Eigenverantwortung der Betriebe. Diese lässt sich leider nicht an Softwarelösungen übertragen.

Ein Digitalministerium für die Bundesrepublik

Welche Strategien sind erforderlich, um in der Gesellschaft niemanden von den Vorteilen der Digitalisierung auszuschließen?

Es bedarf signifikanter Veränderungen, einer generellen Bereitschaft zum Wandel und umfassender Unterstützung durch die Politik. Der Ausbau unserer Infrastruktur und die Anpassung der Bildungssysteme sollten dabei ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Es bedarf dringend entsprechender Fördermittel und einer reformierten Ausbildung unserer Lehrkräfte. Ein eigenes Digitalisierungsministerium könnte dabei in der Tat ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

Bringen deutsche Hochschulen ausreichend Top-Nachwuchskräfte hervor, die eine Transformation von Unternehmen vorantreiben oder über Start-ups digitale Impulse setzen können?

Die Qualität der Absolventen ist in Ordnung, die geringe Quantität ist problematischer. Ein viel größeres Problem sehe ich aber in der Mentalität vieler Studienabgänger. Der akademische Nachwuchs in Osteuropa, im Baltikum oder in Asien ist viel leistungsbereiter als der hierzulande. Unsere Generationen X und Y sind eher die Generation Me. Sie legen Wert auf Work-Life-Balance, möchten nicht mehr viel Verantwortung übernehmen, sind nicht mehr karriereorientiert und haben auch nur noch sehr bedingt eine Start-up-Mentalität. Das müssen Arbeitgeber wohl akzeptieren, aber für die Chancen deutscher Unternehmen im globalen Wettbewerb bedeutet dies ein erhebliches Risikopotenzial und bereitet mir Sorgen.

Welche digitale Innovation wird Ihr Unternehmen am stärksten verändern?

Wir sind als IT-Unternehmen natürlich bereits vom Grundsatz her sehr digital aufgestellt. Trotzdem werden bestimmte Innovationen auch unser Arbeitsumfeld und unsere Prozesse noch weiter digitalisieren und nachhaltig verändern. Dazu zählen das Internet of Things, Künstliche Intelligenz, auch Virtual und Augmented Reality. Nicht bei uns selbst, aber bei vielen unserer Kunden ist außerdem der Einsatz von Drohnen in gewissen Unternehmensprozessen bereits stark im Kommen. Das wird bald ein State-of-the-Art-Tool sein.

Welches sind die größten Widerstände gegen die Transformation in Ihrem Unternehmen?

Da wir ein Anbieter von Business-Software sind, haben unsere Mitarbeiter schon von Berufs wegen eine große Offenheit gegenüber der Transformation. Widerstände oder Ängste gibt es deshalb in unserem Unternehmen eher selten. Die Mitarbeiter machen sich aber sehr wohl ernsthafte Sorgen darüber, wie sich die Themen Datensicherheit und Cyber-Kriminalität in den Griff bekommen lassen.

Social-Media-Marketing - Welchen digitalen Fußabdruck möchten Sie setzen?

Mir persönlich ist das Thema Arbeit 4.0 sehr wichtig. Um der großen Dynamik einer digitalisierten Welt besser gerecht zu werden, sind agilere Strukturen und Abläufe erforderlich. So müssen Arbeitgeber ganz neue Organisationen schaffen, um das Arbeiten in Teams mit ständig wechselnden Mitgliedern zu ermöglichen und diese entsprechend effizient führen zu können.

Wie wichtig sind Wahrnehmung und Bedeutung Ihres Hauses und Ihrer Person in sozialen Netzwerken?

Sie ist für unser Unternehmen von großer Bedeutung, zum Beispiel für unsere Brand Awareness, für das Recruiting oder auch für den Vertrieb und die Generierung von Leads. Unsere Zielgruppen in allen Bereichen bewegen sich zunehmend in Sozialen Netzwerken und wir müssen diese auch dort abholen und auf uns aufmerksam machen, wenn wir auch weiterhin besonders erfolgreich sein wollen.

Wissen Sie, wie Ihr Unternehmen und Sie persönlich in den sozialen Netzwerken eingeschätzt werden? Wenn ja, wie beeinflussen Sie die Meinungsbildung dort?

IFS wird als innovatives und flexibles Unternehmen und als sehr attraktiver Arbeitgeber eingeschätzt. Für die Meinungsbildung in den sozialen Netzwerken versorgen wir unsere Kanäle regelmäßig mit Informationen, die an deren jeweilige Konventionen angepasst sind – sei es unser eigener Blog, LinkedIn, Xing oder Facebook. Wir motivieren unsere Mitarbeiter, sich aktiv daran zu beteiligen und die IFS nicht nur aus der Business-Perspektive, sondern auch von seiner persönlichen und etwas diskreteren Seite zu zeigen.

Welches digitale Start-up hat Sie zuletzt am stärksten beeindruckt und warum?

Das Unternehmen voxeljet, das industrietaugliche 3D-Drucksysteme herstellt. Auch wenn dieses Unternehmen der Start-up-Phase mittlerweile schon etwas entwachsen ist, steht es für eine gewaltige Innovation, welche die herkömmlichen Produkutionsprozesse nachhaltig verändern wird.

Wer ist Ihr Vorbild als Transformer?

Vielleicht nicht unser Vorbild, aber unsere Versinnbildlichung des Themas sind die Transformer-Figuren. So bestücken wir diverse Veranstaltungen unter dem Motto Transform Your Business mit einem lebenden Transformer zum Anfassen und Selfies machen. Dies hat immer eine große Anziehungskraft auf alle Besucher und macht die etwas abstrakte digitale Transformation unseres Erachtens nach sehr lebendig und anfassbar. Auch solche kreativen Aktionen machen einen beachtlichen Unterschied hinsichtlich der Wahrnehmung von Unternehmen bei Veranstaltungen aus, das hat einen hohen Erinnerungswert.

Gibt es Momente im Berufs- und im Privatleben, in denen Sie sich die Abwesenheit digitaler Geräte und Services wünschen?

Im Berufsleben leide ich schon manchmal etwas unter dem Dauerbeschuss von Outlook und der leider weit verbreiteten Erwartungshaltung, alles möglichst sofort zu lesen und zu beantworten. Privat schätze ich die digitalen Geräte und Services sehr. Ich liebe es, immer sehr aktuell informiert zu sein; und das geht eben nur mit den digitalen Tools und deren vielfältigen Möglichkeiten.

Nach welchem Motto leben und agieren Sie?

Lebe begeistert und gewinne! Ich habe schon als Student die Erfahrung gemacht, dass man Dinge nur dann besonders gut machen kann, wenn man dafür auch Begeisterung verspürt. Diese Einstellung macht den Unterschied zwischen Durchschnitt und Exzellenz aus. Daher kann ich jüngeren Arbeitnehmern nur den Rat geben: Lerne das zu lieben, was dich ernährt.

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