Unterschätztes Risiko

Digitale Geschäftsmodelle entwickeln

Mit der 2010 gestarteten Beratung Etventure will Co-Gründer Philipp Depiereux etablierten Unternehmen und Start-ups auf die Sprünge helfen. Inzwischen gehört Etventure zur Beratungsgesellschaft EY. Mit der Studie „Digitale Transformation 2018“ erhebt Depiereux den Status quo.

Philipp Depiereux war CEO beim mittelständischen Verpackungshersteller Alesco, bevor er 2010 die Digitalberatung und Start-up-Schmiede Etventure mitgründete. Mit Innovationsprojekten beschäftigt er sich seit jeher.
Philipp Depiereux:
Er war CEO beim mittelständischen Verpackungshersteller Alesco, bevor er 2010 die Digitalberatung und Start-up-Schmiede Etventure mitgründete. Mit Innovationsprojekten beschäftigt er sich seit jeher (Foto: PR)

Mit der 2010 gestarteten Beratung Etventure will Co-Gründer Philipp Depiereux etablierten Unternehmen und Start-ups auf die Sprünge helfen. Inzwischen gehört Etventure zur Beratungsgesellschaft EY. Mit der Studie „Digitale Transformation 2018“ erhebt Depiereux den Status quo.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Sie ermitteln in Ihrer Studie den Fortschritt der Transformation bei Unternehmen. Wie ist es hierzulande darum bestellt?

Philipp Depiereux: Die meisten Unternehmen verstehen unter digitaler Transformation die Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells oder bestehender analoger Prozesse. Leider ist dieser Irrglaube weit verbreitet. Wer den Fokus nur auf die Digitalisierung bestehender interner Prozesse legt oder gar nur die IT optimiert, gefährdet die Zukunft des Unternehmens. Es geht darum, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die dem technologischen Wandel ebenso wie den sich verändernden Kundenbedürfnissen gerecht werden. An dieser Stelle besteht in Deutschland noch enormer Nachholbedarf.

Das heißt, die Unternehmen erkennen die Gefahr gar nicht, in der sie schweben?

Depiereux: Ich habe den Eindruck, den deutschen Unternehmen geht es aktuell zu gut. Eine ausgezeichnete Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation täuscht darüber hinweg, dass gerade traditionelle Großunternehmen jetzt handeln müssten. Das betrifft übrigens jede Branche. Besonders schockiert hat mich die enorme Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der Unternehmen und den realen Herausforderungen der Digitalisierung. Jedes zweite Unternehmen erwartet zwar einen starken Wandel in der eigenen Branche und erachtet die digitale Transformation als wichtig. Aber nicht einmal die Hälfte von ihnen rechnet damit, dass sich dadurch auch ihr Geschäftsmodell ändern wird. Hier muss dringend ein Umdenken einsetzen.

Von wo droht Unternehmen, die sich der Digitalisierung verweigern oder die deren Dringlichkeit unterschätzen, die größte Gefahr?

Depiereux: Der Wettbewerb der Zukunft kommt nicht aus der eigenen Branche, sondern entsteht durch digitale Player. Beispiele wie Netflix, Uber oder AirBnB zeigen, wie digitale Quereinsteiger mit neuen Geschäftsmodellen die Kundenschnittstelle besetzen und dadurch innerhalb kürzester Zeit ganze Industrien ins Wanken bringen können. Aber auch Tech-Giganten wie Amazon, Apple oder Google sind eine Gefahr für etablierte Unternehmen, wenn sie ihre Stärken ausspielen - Schnelligkeit, Daten- und Software-Kompetenz, der direkte Zugang zu Kunden und der nötige finanzielle Spielraum. Was bislang vor allem für den B2C-Bereich galt, droht nun auch anderen, traditionellen Industrien im B2B-Sektor. Das Berliner Start-up Thermondo etwa ist nicht nur für die Installationsbranche, sondern auch für Heizungshersteller zu einer relevanten Gefahr geworden, weil sie Kundenschnittstellen besetzen, die die traditionellen Unternehmen bisher nicht besetzt haben – in Zukunft aber auf dem Radar haben müssen. Plattformen wie der Werkzeug-Shop Contorion sind eine ernst zu nehmende Bedrohung für den Einzelhandel. Die deutschen Konzerne und Hidden Champions aus dem Mittelstand müssen sich dieser Gefahr bewusst werden und sich die Erfolgsrezepte der digitalen Player zu eigen machen, wenn sie nicht Stück für Stück vom Markt verdrängt werden wollen.

Mut zur digitalen Transformation

Was hält Unternehmen von der Transformation ab?

Depiereux: Man könnte vermuten, mangelnde Ressourcen oder fehlendes Know-how lähmten den Fortschritt. Tatsächlich entsteht die Blockade aber durch die Strukturen, Prozesse und Hierarchien im Unternehmen. Der fehlende Mut der Führungskräfte, aus diesen Strukturen auszubrechen und den Wandel entschlossen anzugehen, verhindert eine erfolgreiche digitale Transformation. Häufig werden auch die Mitarbeiter nicht richtig mitgenommen. Meist wird den Teams lediglich gezeigt, was sie mit welcher Technologie tun sollen – worum es im Einzelnen geht, sagt ihnen keiner. Was viele Unternehmen noch nicht verstanden haben: Es ist eine Kulturfrage. Nur durch aktive Führung, die Unterstützung des Top-Managements und das Miteinbeziehen der Mitarbeiter kann der digitale Wandel gelingen.

Etventure berät seit acht Jahren Unternehmen bei der digitalen Transformation. In welcher Phase des Umbaus wenden sich diese an Sie?

Depiereux: Das ist sehr unterschiedlich. Je nach dem digitalen Reifegrad des Unternehmens legen wir in unseren Projekten unterschiedliche Schwerpunkte. Zum einen helfen wir dabei, in bestehenden Organisationen das Bestandsportfolio in ein neues, digitales Zeitalter zu führen und die Mitarbeiter mit gezielten Trainings, Coachings und Workshops auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten. Zum anderen entwickeln wir auch Strategien und Teams mit konkretem Fokus auf digitales Neugeschäft, bauen eigene Start-ups oder Digitaleinheiten auf und testen und entwickeln neuartige Geschäftsmodelle im „geschützten Raum”. So unterstützen wir prinzipiell Unternehmen aller Branchen bei der digitalen Transformation – ganz gleich, in welcher Phase sie sich auf ihrem Weg befinden.

Wie binden Sie Künstliche Intelligenz ein?

Depiereux: Wir wollen Mitarbeiter von sich wiederholenden Routine-Aufgaben entlasten und ihnen mehr Möglichkeiten geben, sich auf interessante, wertschöpfende Aufgaben zu konzentrieren. Reine Datenverarbeitung und Analysen, zum Beispiel von Werkstoffen, können wir vielfach intelligenten Systemen überlassen. So nutzen wir Deep Learning, um große Mengen Metallografiebilder deutlich schneller zu analysieren. Die Gestaltung der Prozesse sowie die Interpretation der Ergebnisse ist aber die menschliche Leistung, für die wir weiterhin qualifizierte Mitarbeiter brauchen.

Wie holen Sie bei Ihren eigenen Digitalisierungsprojekten die Mitarbeiter mit ins Boot?

Depiereux: Mitarbeiter müssen die Zusammenhänge begreifen, neue Arbeitsweisen und Methoden kennenlernen und verstehen, was die Digitalisierung für ihren Arbeitsalltag bedeutet. Das gelingt nicht durch die Vermittlung von theoretischem Wissen, sondern vor allem durch Learning by Doing. Digitalisierung wird für viele Mitarbeiter erst greifbar, wenn sie temporär an konkreten Digitalprojekten – in anderen Unternehmensbereichen oder auch außerhalb des Unternehmens – mitwirken können. So bauen sie Ängste ab und lassen sich begeistern.

Unternehmensberatung der Zukunft

Etventure bringt regelmäßig Start-ups auf den Weg. Laut Ihrer Website haben Sie seit 2010 bereits mehr als 50 Neugründungen aufgebaut und unterstützt. Wie viele davon existieren noch?

Depiereux: Das ist richtig – wir haben seit unserer Gründung zahlreiche Start-ups aktiv aufgebaut und unterstützt. Die Crowd-basierte Shopper-Insights-Intelligence-Firma POSpulse ist aus der Etventure-Familie entstanden und hilft Händlern und Herstellern, die Bedürfnisse ihrer Kunden zu verstehen und basierend auf direktem Echtzeit-Feedback ihre Produkte besser zu vermarkten. Auch das Vertical Farming-Start-up Infarm, das wir gemeinsam mit dem EU-Accelerator EuropeanPioneers aufgebaut haben, wird von namhaften Tech-Investoren unterstützt und arbeitet mit Supermärkten wie Edeka zusammen. Dies sind nur zwei Beispiele aus unserem Start-up-Ökosystem, die sich nachhaltig am Markt positionieren konnten und mittlerweile vollkommen unabhängig und selbstständig agieren.

Wie hat sich Etventure seit der Gründung 2010 verändert?

Depiereux: Wir sind im Laufe der Jahre reifer und erfahrener geworden, haben von und mit unseren Kunden gelernt und können heute sehr viel größere und komplexere Projekte unterstützen als das am Anfang der Fall war. Seit Ende letzten Jahres sind wir außerdem Teil der EY-Familie und bringen unsere Arbeit gemeinsam mit den Kollegen auf ein ganz neues Level. Auch wenn wir in den vergangenen Jahren extrem gewachsen sind, haben wir es dennoch geschafft, die Agilität und den Start-up-Spirit zu bewahren, der Etventure ausmacht. Flache Hierarchien und Umsetzungsstärke gehören nach wie vor zu unserer DNA. Unser größtes Asset sind die Menschen, die bei Etventure arbeiten – kreative, mutige und unternehmerische Persönlichkeiten, die den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft aktiv vorantreiben. Sie waren vom ersten Tag an das Rückgrat der Company und werden es auch in Zukunft bleiben.

Was ist Ihre nächste Herausforderung?

Depiereux: Unser schnelles und dynamisches Start-up-Mindset, unsere umfassende Digitalexpertise sowie ein unternehmerischer und umsetzungsorientierter Ansatz haben uns zu Digitalpionieren gemacht. Als Teil der EY-Familie können wir genau diese Assets auf ein neues Level heben, indem wir sie mit Themen der klassischen Unternehmensberatung kombinieren, wie etwa Strategie- und Organisationsentwicklung, Prozessoptimierung, IT und Change Management. Unser Ziel ist es, die Beratung der Zukunft zu gestalten und für unsere Kunden zu einem echten Gamechanger zu werden. Wir möchten den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft mit Mut, Umsetzungsstärke und Innovationsgeist vorantreiben und all den negativen und skeptischen Stimmen, die gegen Veränderungen wettern, positive Erfolgsgeschichte entgegensetzen.

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