„Unsere Denke ist falsch”

Deutschland muss mehr in KI investieren 

Meinungsstark ist Eberhard Sautter ohnehin. Der Chef der HanseMerkur nimmt, wenn es um die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft geht, kein Blatt vor den Mund. Das Interview mit ihm wird zum Plädoyer für ein neues Denken in einer neuen Zeit.

Eberhard Sautter ist seit Juli 2014 Vorstandsvor­sitzender der HanseMerkur Versicherungs­gruppe
Eberhard Sautter ist seit Juli 2014 Vorstandsvor­sitzender der HanseMerkur Versicherungs­gruppe (Foto: PR)

Ortstermin im Office. Das Chefbüro von Eberhard Sautter macht einen ebenso aufgeräumten Eindruck wie der CEO der HanseMerkur Versicherung selbst. Viel Licht dringt an diesem Morgen durch die großen Fenster. Dezent, doch wirkungsvoll eingesetzte Kunst an den hellen Wänden und viele Grünpflanzen sorgen für eine offene Atmosphäre. Davon – sowie vom Thema Wandel – ist auch das Gespräch inspiriert. Sautter beklagt Selbstbeschränkung und mahnt Umdenken an.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: China investiert Hunderte Milliarden in Künstliche Intelligenz und kämpft in Sachen Technologie mit den USA um die Spitze. Wo steht Deutschland in diesem Wettlauf?

Eberhard Sautter: Nicht an der Spitze. Aber wir müssen zunächst analysieren, wo die Unterschiede liegen und woher sie stammen. Dann müssen wir überlegen, was bei uns veränderbar ist und was nicht. Neutral betrachtet gibt es in der reinen Informationstechnologie, die nicht so stark an die Industrie gekoppelt ist, fast keine deutsche Firma von Weltrang. Solche Firmen findet man heute eher in China – sie heißen Baidu, Alibaba oder Tencent. Oder eben in den USA mit Amazon, Google, Facebook, Twitter, Netflix, Uber oder Tesla. Hierzulande gibt es eigentlich nur SAP, die gute Anwendungssoftware machen, aber nichts, was als „sexy“ empfunden wird. Wenn aber die Frage lautet, wo Deutschland in Sachen Informationstechnologie und wo im Zukunftssektor Künstliche Intelligenz steht, antworte ich, dass wir noch alle Chancen haben. An klugen Köpfen mangelt es in Deutschland nicht. Und solche Köpfe brauchen ordentliche Bildung und gute Studiengänge. In Feldern, die Grundlagen der Künstlichen Intelligenz sind – in Mathematik, Physik, in der Kybernetik oder der Luft- und Raumfahrt –, haben wir durchaus etwas vorzuweisen. Wir sind gut in der Bilderkennung, der Automatisierung, Prozesseffizienz, der Verwaltung von großen Datenmengen. Allerdings fehlen uns für revolutionäre Entwicklungen hierzulande oft die Investitionssummen. Die Dax-Unternehmen sind im Vergleich mit US-Firmen nur gering kapitalisiert. Dennoch liefern wir oft die Technologien für Bahnbrechendes.

Wird China ein Vorreiter sein?

Sautter: Innovation funktioniert nicht per Verordnung, sondern nur als Kultur. Das wird das Problem chinesischer Unternehmen in der Zukunft sein. Sie haben soziale Medien oder Suchmaschinen nicht erfunden, sondern gelungen kopiert. Die Frage ist aber, ob sie auch den nächsten Schritt machen, also Vorreiter werden können. Ihr Vorteil: Es gibt mittlerweile 1,4 Milliarden Chinesen. Ihr Nachteil: Innovation braucht freiheitliches Denken.

Teil 2: Überzogene Regulierung bremst Innovationskraft

Was hemmt Deutschland im globalen Vergleich?

Sautter: Daten sind der Rohstoff von heute und der Reichtum von morgen. Wer das nutzen will, sprich, Daten klug verarbeiten will, braucht reichlich Risikokapital. Und das gibt es hierzulande erst einmal nicht. Auch beim Thema Datenschutz sind die Verhältnisse unterschiedlich: Wieso sind Google, Facebook, Apple, Tesla oder Uber nicht in Deutschland entstanden? Die dahinter liegenden Algorithmen hätten wir im Zweifel auch hinbekommen. Was aber haben diese Big Player gemeinsam? Sie waren alle bereit, alte Regeln zu brechen und neue zu setzen, um Kundennutzen zu stiften. Sie haben erst einmal Pflöcke eingerammt und sich dann über gute Rechtsanwälte für ein paar Jahre Ruhe besorgt. So funktioniert es hierzulande nicht. Im Jahre 2015 wurde Uber nach Protesten der Taxi-Lobby die Lizenz entzogen. Bei uns gibt es eine restriktive Rechtsprechung, eine überzogene Regulatorik und einen vermeintlich verbraucherfreundlichen Datenschutz, Letzteren auf lokaler, bundesweiter und europäischer Ebene. Damit erlauben wir uns selbst so gut wie gar nichts. Gleichzeitig sitzen wir hier mit unserem Smartphone in der Hosentasche und lassen unsere Daten – trotz DSGVO – von US-Unternehmen ganz einfach abgreifen. Warum? Weil wir glauben, dass der Nutzen deutlich größer ist als der potenzielle Schaden. Der Verbraucher entscheidet also anders, was in der Nutzung von Smartphones, Amazon, Facebook, Google, Twitter und YouTube deutlich zum -Ausdruck kommt. Aber bei einem deutschen Unternehmen genießt vor allem die Frage nach der Datensicherheit und dem Speicherort erste Priorität. Unsere Denke ist einfach komplett falsch. Fazit: Die Menschen und das Wissen sind da. Weil wir uns aber selbst beschränken, kommen Innovationen aus dem Ausland. Nicht umsonst gehen Deutsche, die in Zukunftsfeldern erfolgreich sein wollen, im Zweifel in die USA.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Sautter: Das ist nicht einfach zu lösen, vor allem aber nicht schnell. Eine Möglichkeit ist sicher, wie die HanseMerkur eine Doppelstrategie zu fahren. So haben wir eine Firma namens red6 mit dem Fokus Entwicklung von Software gegründet, um auch für Informatikstudienabgänger interessant und nicht vermeintlich langweilig wie das Thema Versicherungen zu sein. Dort gibt es ein auf junge Leute angepasstes Arbeitszeitmodell mit Organisationsformen und Prozessen, wie sie bei Start-ups zu finden sind. Ich muss also Umwege gehen, um hierzulande möglichst viel erreichen zu können. Und vielleicht gibt es irgendwann ja auch einmal eine zweite Schweiz in Europa, wo der Datenschutz keine so beschränkende Rolle spielt. In diesem Fall wären sicher Strukturen denkbar, wie man über dortige Unternehmen Europa mit Lösungen versorgen kann.

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