„Dank Digitalisierung mehr Leute gleichzeitig unterstützen“

Nestlé Unternehmenszahlen zu Mitarbeitern, Umsatz, und Markenpräsenz

Wie stellen Sie sich die menschliche Ernährung im Jahr 2050 vor?

Guillaume-Grabisch: Unsere Nestlé Zukunftsstudie beschreibt Szenarien, wie in Deutschland im Jahr 2030 möglicherweise gegessen wird. Ein Szenario setzt einen Schwerpunkt auf eine ressourcenschonende Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft, ein anderes auf Optimierung in einer leistungsorientierten Gesellschaft oder auf gemeinschaftliches Essen in einer entstrukturierten Gesellschaft. Aber was allen Szenarien gemein ist: Das Essen ist nicht mehr nur das Essen als solches, sondern Ausdruck der Persönlichkeit. Außerdem verändern sich Menschen im Laufe ihres Lebens, und werden geprägt durch die Erziehung und Erlebnisse. Bedürfnisse hängen zusammen mit der Persönlichkeit. Wenn heute Menschen sagen, sie leben vegan, ist das mehr als die Nahrung, es ist eine Philosophie des Lebens, die zum Ausdruck kommt.

Wie würden Sie sich selbst denn da einordnen?

Guillaume-Grabisch: In dem eben beschriebenen Dreieck befinde ich mich wohl genau in der Mitte. Das ist ein Stück meiner Philosophie. Ich decke verschiedene Facetten beim Essen in Balance ab, ich will weiter gesund durch das Leben gehen, aber wenn es um Genuss geht und darum mit anderen Menschen das Leben zu zelebrieren, dann mache ich das auch sehr gern.

Eine solche Balance würden sich vermutlich viele Menschen selbst attestieren.

Guillaume-Grabisch: Das mag sein, aber ich mache das wirklich. Die Frage ist immer: Wie bringe ich in Einklang, was ich für mich als Ziel definiere, und wie setze ich das tatsächlich um. Da sprechen dann Daten und Fakten für sich, ob es gelingt oder nicht.

Welches sind die aktuellen Ernährungstrends, die für Nestlé interessant sind?

Guillaume-Grabisch: Wir haben vorhin viel über Ernährung als Ausdruck der Persönlichkeit gesprochen. Im Trend liegt alles, was mit Natürlichkeit zu tun hat und „frei von“ ist. Ein weiterer Trend sind die so genannten „Flexitarier“, also Menschen, die zwar noch Fleisch essen, aber viel weniger als früher. Der Ausdruck der Persönlichkeit ist wie eine Klammer, die alles umfasst.

Stichwort Digitalisierung: In welchen Bereichen eines Lebensmittelkonzerns wie des Ihren nimmt diese eine besondere Rolle ein?

Guillaume-Grabisch: Besonders beeindruckt bin ich von der Transformation im Personalbereich. Im Bereich Weiterbildung und -entwicklung läuft heute vieles über E-Learning. Mittlerweile gibt es Formen von digitalem Coaching, die sich so individualisiert haben, dass sie auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten werden und dessen Entwicklung begleiten. Dank der Digitalisierung kann ich deutlich mehr Leute in der Mannschaft gleichzeitig unterstützen, was sich zudem einfacher finanzieren lässt.

Mit welchen Maßnahmen will sich Nestlé im „War for digital Talents“ behaupten?

Guillaume-Grabisch: Die digitale Transformation ist fester Bestandteil der Firmenkultur. Ich nenne Ihnen ein paar Beispiele. Vor zweieinhalb Jahren habe ich eine Keynote auf der dmexco gehalten mit der Überschrift „Die junge alte Dame – 150 Jahre Nestlé, wie macht sie sich für die nächsten 150 Jahre fit“. Solche Veranstaltungen können dazu dienen, digitale Talente und Stakeholder anzusprechen. Vor gut einem Jahr haben wir unser Digital Acceleration Team gegründet, in dem wir Projekte entwickeln wie Start-ups. Die Kollegen werden von verschiedenen Abteilungen entsandt, entwickeln ihr Projekt innerhalb von vier Monaten und lernen dabei viel. Als Botschafter verbreiten sie dann ihr Wissen und den neuen Spirit im gesamten Unternehmen. Außerdem veranstalten wir jedes Jahr eine „digital challenge“. Die teilnehmenden Teams präsentieren ihre Projekte im Wettbewerb, das Gewinnerteam erhält 100.000 Euro, um sein Projekt umzusetzen. Das setzt eine enorme Leidenschaft frei. Zudem gibt es „digital breakfasts“ und „digital days“ zur Weiterbildung und Inspiration.

Gibt es Mitarbeiter, die skeptisch sind?

Guillaume-Grabisch: Ja, aber wir können dem begegnen. Nestlé hat zum Beispiel das Reverse Mentoring eingeführt. Top Senior Manager, die keine Digital Natives sind, haben mitunter hier und da Nachholbedarf. So bilden wir Tandems, in denen Jüngere die Älteren coachen. Das funktioniert wunderbar und hat viele Vorteile: Alles wird unkompliziert erklärt, beide Seiten verstehen die Probleme des anderen, Generationenschranken werden überbrückt.

Teil 1: „Der Genuss bleibt“

Teil 2: „Dank Digitalisierung mehr Leute gleichzeitig unterstützen“

Teil 3: „Eine Organisation, die fit für die Zukunft ist”

Teil 4: Inklusivität statt Diversity

 

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Interview

Béatrice Guillaume-Grabisch
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