Hamburg, 13.03.2017

Runter von der Bremse

Eberhard Sautter, CEO von HanseMerkur, sieht die Gesundheitsbranche als Fortschrittstreiber – sofern die Politik den notwendigen Spielraum für Innovationen schafft.

Rettungsroboter: Zukunftsvision, die in wenigen Jahren Realität sein könnte (Bild: Niklas Hughes)

Unsere Gesellschaft dürfte in den nächsten Jahren gesünder werden – digitaler Technologie sei Dank. HanseMerkur-Chef Eberhard Sautter über Innovationen, das Datenproblem und politische Irrwege.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Welche Technologie könnte unser Leben künftig umkrempeln?

Eberhard Sautter: Es werden diverse Innovationen im Gesundheitsmarkt sein. Das gilt sowohl für das Biotech-Segment als auch im Bereich der individuellen Gesundheitsversorgung. Hier werden mit technischen Hilfsmitteln 24/7-Messverfahren entwickelt und in Verbindung mit Apps Daten erhoben, die unser Wissen über Gesundheit und Ernährung revolutionieren werden. Wir werden so schneller lernen, unser Verhalten zu adaptieren und gesundheitsbewusster zu leben, um auf diese Weise unsere Lebensqualität zu verbessern. Aber auch im Pflegesektor wird die Digitalisierung zu altengerechten, barrierefreien und individualisierten Lösungen führen.

Google, Apple, Amazon, Facebook – wann spielen endlich deutsche Firmen in der „ersten Digitalliga“?

Sautter: Der Hemmschuh in Deutschland heißt Datenschutz. Wo erst Gesetze und Regulierungen geschaffen werden müssen, kann keine Erfahrungswelt entstehen. Die Amerikaner machen bei Innovationen erst den Anwendertest, bewerten die Chancen höher als das Risiko und sind dafür bereit, ein Stück weit auf den Datenschutz und andere gesetzliche Einschränkungen zu verzichten. Wir bewerten in der Regel das Risiko höher – schlechte Voraussetzungen, um in der ersten Liga zu spielen.

Digitalisierung und Transformation: Was wird die größte Herausforderung für die Zukunft sein?

Sautter: Die Digitalisierung der Gesellschaft ist irreversibel, und die Innovationszyklen gewinnen an Dynamik. Die Herausforderung für die nächsten Jahre wird darin bestehen, nicht den Anschluss zu verlieren und aus der Entwicklung den maximalen Nutzen zu ziehen. Das heißt: Alle Prozesse sollten chancenorientiert ausgerichtet sein.

Glauben Sie, dass unsere Politiker die Herausforderungen der Zukunft richtig einschätzen?

Sautter: Nein. Wenn ich mir die gesundheits- und rentenpolitischen Entscheidungen der letzten Jahre anschaue, vom steigenden Steuerzuschuss an die gesetzliche Krankenversicherung bis zur Einführung der Mütterrente oder der Rente mit 63 ohne Abschläge, dann wurden angesichts der demografischen Entwicklung alle Regeln gebrochen. Sie gehen zulasten der jungen Generation, ohne dieser dafür einen Gegenwert zu bieten. Derzeit lösen wir die Probleme unseres Gesundheits- und Rentensystems nicht, sondern verlagern diese in die Zukunft.

"Ich betrachte Insuretechs nicht mit großer Sorge"

Sautter wirkte bei der HanseMerkur Versicherungsgruppe als Abteilungsleiter, bevor er 2005 zum Vorstand bestellt wurde. Seit 2014 hat der Diplom-Mathematiker den Vorstandsvorsitz inne (Foto: PR)

Welche Innovation gilt als die größte in Ihrem Unternehmen?

Sautter: Es gibt nicht d i e Innovation. Innovationen werden jährlich produziert und sind eine wichtige Voraussetzung für ein wachstumsstarkes Unternehmen wie die HanseMerkur, um im Wettbewerb ganz vorn mit dabei zu sein. Vor 40 Jahren war es innovativ, unsere Reiseversicherung zu gründen, vor 36 Jahren den ältesten deutschen Sozialpreis, den HanseMerkur Preis für Kinderschutz, aus der Taufe zu heben. Und vor drei Jahren stellten wir unseren Kunden die erste RechnungsApp in unserer Krankenversicherung zur Verfügung. Im vergangenen Jahr dann haben wir mit der Online-Plattform Navigator als Brancheninnovation den ersten volldigital unterstützten und abgebildeten Verkaufsprozess vorgestellt. Innovation prägt unsere Geschäftsprozesse.

Was tun Sie in Ihrem Unternehmen, um das Innovationsklima zu fördern?

Sautter: Wir sorgen dafür, dass eine Innovationskultur gefördert wird, dass sich unternehmerisch denkende Mitarbeiter umfänglich einbringen können und dass wir uns nicht auf Fehler fokussieren. Wo Neues entwickelt wird, sind auch Fehler an der Tagesordnung. Das Klima muss aber ermöglichen, dass die Stärken innovativer Kräfte gestärkt werden. Das schafft die besten Voraussetzungen für einen permanenten Innovationsprozess.

Ausblick 2020: Wird ein Angreifer mit einer disruptiven Idee Ihre Branche revolutionieren?

Sautter: Zunächst einmal sehe ich für uns als Personenversicherer in einer alternden Gesellschaft enormes Entwicklungspotenzial in den Geschäftsfeldern Gesundheit und Pflege sowie der Altersvorsorge. Die Insuretechs betrachte ich nicht mit großer Sorge. Als Versicherer braucht es langfristig mehr, als technisch schnell und flexibel am Markt agieren zu können. Im Wettbewerb entscheidend ist auch, dass man – entsprechend unserer Leitidee – Hand in Hand mit dem Kunden optimale Absicherungslösungen entwickelt und als vertrauensvoller Partner auf seine individuellen Bedürfnisse eingeht. Was uns als Branche viel mehr durcheinanderwirbelt, sind die ständig zunehmende Regulatorik sowie die politischen und die Kapitalmarktrisiken.

War for (digital) talents: Was tun Sie, um die besten Mitarbeiter für Ihr Unternehmen zu rekrutieren?

Sautter: Ein wachstumsstarkes, eigenständiges und erfolgreiches Unternehmen am attraktiven Finanzplatz Hamburg hat keine Probleme, exzellente Mitarbeiter zu rekrutieren. Aber natürlich müssen darüber hinaus eine offene Unternehmenskultur gelebt und die Mitarbeiter durch einen Strauß flankierender Maßnahmen überzeugt werden: diese reichen von Angeboten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis zu einem breiten betrieblichen Gesundheitsmanagement und von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen bis zu Zuschüssen rund um das Thema schadstoffarme Mobilität.

"Freue mich auf den nächsten Innovationshype"

Welche Innovation beeindruckt Sie persönlich bis heute am meisten?

Sautter: Das kann ich so gar nicht sagen. Diese Innovation gibt es nicht, sie wird wahrscheinlich morgen erfunden. Ich finde es aber schön, in Zeiten mit einer rasanten Veränderungsgeschwindigkeit zu leben. Gestern waren das Internet, der Flachbildschirm oder das Handy die großen Innovationen. Heute arbeiten wir mit iPhones und Tablets – und morgen? Ich freue mich auf den nächsten Innovationshype.

Bücher, Reisen, Gespräche: Was tun Sie, um persönlich fit zu bleiben in Sachen Herausforderungen der Zukunft?

Sautter: Nicht nur Reisen und Lesen bilden. Ein Schlüssel liegt auch im Dialog. Also: möglichst viel reden, sich austauschen, lesen und die Welt erkunden.

Welche Eigenschaft ist die wichtigste, um sich Herausforderungen stellen zu können?

Sautter: Es gilt, immer offen für Neues zu bleiben. Open your mind.

Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Sautter: Ein Motto als solches habe ich nicht. Es ist eher meine pragmatische Grundeinstellung, das Positive in dem zu sehen, was ich gerade tue.

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