Gesundheit

Teil 4: „Zustände der Tiefe zurückerobern“

Der Status „Daueronline“ ist ein ernst zu nehmendes Problem. Dr. Volker Busch, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Regensburg, über die Generation Smartphone.


Dr. Volker Busch: Neurowissenschaftler, Arzt und Speaker (Foto: PR)

Worin liegt die Gefahr der Always-on-Mentalität?
Dr. Volker Busch:
Medialer Dauerkonsum hält das Gehirn heute in einer ständigen psychophysiologischen Spannung. Bewusste Auszeiten, in denen sich Körper und Geist von dieser permanenten Reizüberflutung erholen können, drohen immer mehr verloren zu gehen. Natürlich können digitale Medien Spaß machen und auch viele Vorgänge im Privat- und Arbeitsleben bedeutend erleichtern. Aber sie halten uns ebenso immer mehr davon ab, genüsslich in Aktivitäten zu versinken, wie konzentriert ein Buch zu lesen, ungestört Musik zu genießen oder sich einer handwerklichen Tätigkeit hinzugeben.

Als häufigste Stressursache gilt der Job. An wem liegt es, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten?
Dr. Busch:
Weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber allein sind schuld an Überforderung. Das Zusammenspiel aus einem immer komplexer, schneller und digitaler werdenden Arbeitsplatz und dem einzelnen Menschen, mit hohen Ansprüchen an sein Leben, tragen heute zu kollektivem Stress moderner Gesellschaften bei. Beide Seiten sind daher verantwortlich dafür, die Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten.

Wie können junge Menschen, die frisch ins Berufsleben einsteigen, mit der Last umgehen?
Dr. Busch:
Eine Kernbotschaft der Entspannungsforschung lautet: Wer Kraftreserven auftanken will, muss seinem Gehirn regelmäßig Zeiten der Ruhe gönnen. Ruhe meint dabei nicht „nichts tun“, vielmehr erzeugt man Entspannung sehr effektiv, wenn man sich aufmerksam einer geliebten Aktivität zuwendet und diese mit einer Fokussierung vollführt. So kann ein sogenannter Flow-Zustand entstehen, der stressreduzierend ist. Jede Form von Bewegung kann zum Flow führen, wie etwa Joggen, Bergwandern oder ganz einfach Gartenarbeit. Aber auch Basteln oder Musizieren sind Beispiele, in denen ein Mensch aufgehen kann. Solche rauschartigen Zustände sind wichtige Entspannungszustände für unser Gehirn.

Was können Krankenkassen Ihrer Meinung nach zur gesunden Stressreduktion von Berufseinsteigern beitragen?
Dr. Busch:
Nach einem anstrengenden Arbeitstag den Workload als Erschöpfung zu spüren ist normal und macht nicht krank. Leistung gehört zum Leben dazu und trägt sogar zum Lebensglück bei. Entscheidend ist vielmehr, eine anhaltende Überforderung zu vermeiden, die mit dem Gefühl von Kontrollverlust und Hilflosigkeit erlebt wird. Zur Aufklärung gehören daher auch Tipps zur sinnhaften Gestaltung von An- und Entspannung beziehungsweise zu einem schonenden Umgang mit seinen Energien in Beruf und Freizeit.

Was geben Sie Absolventen von Universitäten in der Regel mit auf den Weg?
Dr. Busch:
Es wäre eine schöne Form der Gehirnpflege, wenn wir gelegentlich zur Muße zurückkehrten und ohne Leistungsdruck in Tiefe und entspannenden Dingen versinken würden. Wir pflegen heute unsere Haare und Fingernägel mehr als unser Gehirn. Gelegentliche Offline-Phasen können dabei helfen, Zeit und Raum für solche Zustände der Tiefe zurückzuerobern.

Teil 1: Dem Stress keine Chance

Teil 2: Always on = niemals erholt

Teil 3: Vollkommen abgesichert

Teil 4: „Zustände der Tiefe zurückerobern“

Teil 5: Entspannung auf Zuruf

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