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Hamburg, 10.04.2017

Den Quick Fix gibt es nicht

Der Trend ist da, die Umsetzung lahmt: Das Potenzial der vierten industriellen Revolution wird hierzulande nicht ausgeschöpft. Zwei Experten verraten, was dafür nötig ist.

Alles verbunden: Der Schlüssel zur ­effizienten Produktion liegt in ihrer Vernetzung (Bild: Mimi Potter/fotolia)

Es ist eines der großen Schlagwörter, die zurzeit die Wirtschaft vor sich hertreiben: Industrie 4.0. Es bezeichnet die digitale Vernetzung aller Anlagen einer Produktionskette mittels moderner Informations- und Kommunikationstechnik. In einem weiteren Schritt werden zudem Auftragsdatenbanken, Lieferketten, Zulieferer und vieles mehr in Echtzeit miteinander verbunden. Im Bestfall werden so Kosten gespart und die Produktivität erhöht. Im schlechtesten Fall wissen Unternehmer nicht, wo sie mit der Digitalisierung ihrer Produktion beginnen sollen. Dr. Volkmar Varnhagen, CEO Capgemini Consulting der DACH-Region, und Jochen Bechtold, Head of Manufacturing bei Capgemini Consulting, über das Warum und Wie des Wandels.

Disruption im verarbeitenden Gewerbe

Volkmar Varnhagen: „Die deutsche Industrie hat in der Vergangenheit die Weltspitze von Entwicklung und Produktion physischer Produkte angeführt. Sie konnte diese Führungsposition durch einen evolutionären Prozess stetig behaupten. Die aktuellen Disruptionen entstehen dadurch, dass nicht mehr die physischen Produkte, sondern die damit verbundenen Services in der Produktdifferenzierung den entscheidenden Faktor darstellen. Die deutsche Industrie muss sich neu erfinden und ihre Innovationsgeschwindigkeit drastisch erhöhen, um diese Herausforderung zu bestehen.“

Jochen Bechthold: „Gleichzeitig sollten Unternehmen nicht in Panik ausbrechen, sondern auf die eigenen Kompetenzen fokussieren, insbesondere in komplexen produktbasierten Geschäften. Disruption geht meist von neuen Wettbewerbern mit ‚digitaler DNA‘ aus. Ihr Leitsatz lautet: ‚Be easy to do business with‘. Sie sind schlank aufgestellt und tragen Komplexität nicht zum Kunden weiter. Hier können etablierte Unternehmen lernen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist zudem, ein digitales Ökosystem aufzubauen. Man muss in der Lage sein, neue Tech-Kompetenzen auch von außen einzubinden und mit den internen Zielen zu verbinden. Darüber hinaus tun sich Unternehmen heute noch schwer, einfach mal auszuprobieren und zu implementieren. So gesammelte Erfahrungen würden den Blick für noch fehlende Mitarbeiter schärfen.“

Erfordernisse von Industrie 4.0

Volkmar Varnhagen: „Industrie 4.0 darf nicht mit einer Einführung einer neuen Prozesstechnik verwechselt werden. Es ist vielmehr eine strategische Transformation für das gesamte Unternehmen und bedarf einer nachhaltigen Veränderung der Organisationsstruktur, der Prozesse, der IT und der Kultur. Ihr Erfolg hängt von einer kohärenten Steuerung und dem Commitment der Unternehmensspitze ab. Etwaige unkoordinierte Initiativen, die von der operativen Basis des Unternehmens ausgehen, werden die erzielbaren Synergien durch Industrie 4.0 stark mindern. Organisatorische Silos müssen deshalb an einem gemeinsamen Ziel ausgerichtet und die Trennungen von Business- und IT-Funktionen aufgelöst werden. Deshalb sind eindeutige Rollen und Zuständigkeiten für die digitalen Initiativen eines Unternehmens essenziell.“

Jochen Bechthold: „ERP, PLM, MES – in der Produktion spielen unterschiedlichste Elemente eine Rolle, die typischerweise getrennt voneinander entwickelt wurden. Dazu sind viele Spezialkompetenzen entstanden, die alle historisch gewachsen sind. Heute passen die Strukturen und Prozesse noch nicht zusammen. Doch viele Unternehmen haben das Vernetzungspotenzial verstanden und arbeiten an dem Thema. Aber das ist kein Quick Fix, sondern eine langfristige Transformationsaufgabe, die eine Prozess- und Arbeitsweisenveränderung erfordert und gleichzeitig eine ganz starke Verankerung in der bestehenden IT-Landschaft hat. Damit erfordert sie auch die entsprechenden IT-Kompetenzen in den Unternehmen, um diesen Prozess zu begleiten.“

Teil 1: Den Quickfix gibt es nicht

Teil 2: Fehlende Rahmenbedingungen

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Autor

Eike Benn
Redakteur
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