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Interview Verne Harnish_Teil 1

Hamburg, 06.04.2017

Von Mäusen und Gazellen

„Growth Guy“ Verne Harnish, der vor 30 Jahren die Entrepreneurs’ Organization gegründet hat und mit seinen Büchern Unternehmer zum Skalieren ermutigt, verrät, warum Unternehmer einsam sind und wann das beste Timing für Firmenausbau oder -verkauf ist.

Der Gründer: Verne Harnish gründete vor 30 Jahren zusammen mit 22 Mitgliedern der Association of Collegiate Entrepreneurs als eigenen Weg die Young Entrepreneurs' Organization (YEO), die später in EO umbenannt wurde. Sein eigenes Unternehmen heißt Gazelles und berät Unternehmer beim Skalieren. Gazellen ist ein Synonym für ein schnell wachsende Unternehmen, im Gegensatz zu Mäusen (Start-ups) und Elefanten (Unternehmensschwergewichte). Am 10. Mai kommt Harnish nach Berlin und spricht auf dem Scale-up-Summit. (Foto: PR)

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Herzlichen Glückwunsch zu 30 Jahren Entrepreneurs Organization (EO). Welche Inspiration ziehen Sie aus der von Ihnen initiierten Organisation?

Verne Harnish: Als Unternehmer bist Du unabhängig und willst es auch sein, aber Du bist auch einsam. Dafür gibt es die EO. Es ist ein Beratergremium, ein sicherer, vertrauensvoller Ort, an dem man offen über alles reden und sich mit seinen aktuellen Herausforderungen und Problemen befassen kann. Die Mitglieder spüren: Sie sind mit ihren Problemen nicht allein. 

Solche Clubs gibt es doch einige. Was unterscheidet Sie von anderen?

Harnish: Es gibt vier feste Kriterien der EO, die sie einzigartig machen. Erstens, wir haben sehr formalisierte Gruppen mit monatlichen Meetings, auf denen sich die Mitglieder gegenseitig unterstützen – und auch ausgeschlossen werden können, wenn sie ein Treffen versäumen. Zweitens müssen Mitgliedsunternehmen jährlich mindestens eine Million Dollar Umsatz erzielen, damit sie der EO beitreten dürfen. Dadurch gehören alle unsere Mitglieder zu den oberen vier Prozent der Unternehmen. Und zum Vierten dürfen nur Unternehmensgründer Mitglied sein – keine Geschäftsführer oder Nachfolger in Familienunternehmen, denn das ist eine ganz andere Mentalität.

Was ist Ihre Vision für EO?

Harnish: Zurzeit haben wir weltweit 12.000 Mitglieder, das Ziel ist, demnächst auf 25.000 oder sogar 100.000 Mitglieder zu kommen, kurz: Alle, die sich für eine Mitgliedschaft qualifizieren, sollen auch Mitglied werden.

Was hat sich während der vergangenen 30 Jahre für EO verändert?

Harnish: Das Einzige, was sich wirklich verändert hat, ist, dass wir alle älter geworden sind. Zu Beginn hießen wir noch YEO, also Young Entrepreneurs’ Organization, und als Mitglied musste man unter 30 sein. Als Apple-Gründer Steve Jobs zu uns kam, war er 29 Jahre, wir waren alle in unseren Zwanzigern. Dann wurden die ersten 30, und wir haben die Altersobergrenze auf 35 Jahre raufgesetzt, dann auf 40 und dann haben wir einfach das Y aus dem Namen gestrichen. Jetzt zu unserem 30. Geburtstag haben wir uns vorgenommen, wieder mit mehr Nachdruck um junge Unternehmer zu werben.

Woran liegt das, dass so wenig Jüngere zu Ihnen stoßen?

Harnish: Das ist der demografische Wandel, der überall auf der Welt stattfindet. Vergangenes Jahr hatte McKinsey ermittelt, dass zwei Drittel der globalen Wirtschaftsleistung in den Jahren 2015 bis 2030 von über 60-Jährigen erbracht wird – weil die das Geld dafür haben. Auf der anderen Seite hat McKinsey auch herausgefunden, dass Menschen in den 20ern doppelt so innovativ sind wie Menschen in den 50ern. Eine Verjüngung von EO wäre wünschenswert.

Die Menschen werden älter, aber die Unternehmen ebenso ...

Harnish: Ja, Unternehmen, die wachsen, brauchen dafür ihre Zeit. Statistiken zeigen, dass Unternehmen, die skalieren, also ihren Umsatz von Jahr zu Jahr verdoppeln, im Schnitt seit 17 Jahren am Markt sind. Alle waren erstaunt über Steve Jobs Übernacht-Erfolg – dabei wird vergessen, dass es lange dauerte, bis es soweit war. Es fangen nicht alle als Einhörner an, also als Technologie-Start-ups mit Milliarden-Dollar-Bewertung. Davon gibt es zurzeit knapp 200 weltweit. Normalerweise dauert es 15 bis 20 Jahre, bis ein Unternehmen herausgefunden hat, worin es wirklich gut ist. Übrigens sind Start-ups nicht mit Scale-ups zu verwechseln. Weltweit gibt es rund 11.000 Start-ups, alao Mäuse. Aber was die Wirtschaft voranbringt, sind Scale-ups, also schnell wachsende Unternehmen oder Gazellen, deren Umsatz zwischen zehn Millionen und mehreren Milliarden Dollar liegt. Sie sorgen für das Wirtschaftswachstum. In den USA sind Scale-ups für rund 92 Prozent des Jobwachstums verantwortlich.

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