Buchinterview: Göttlicher Funke 2.0

Hararis kritischer Blick in die Zukunft

Yuval Noah Harari: wurde 1976 in Haifa/Israel, geboren. Er promovierte 2002 an der Oxford University. Aktuell lehrt er Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem mit einem Schwerpunkt auf Weltgeschichte.
Yuval Noah Harari:
wurde 1976 in Haifa/Israel, geboren. Er promovierte 2002 an der Oxford University. Aktuell lehrt er Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem mit einem Schwerpunkt auf Weltgeschichte (Foto: Olivier Middendorp)

Sie sprechen sowohl von der menschlichen Weisheit, die etliche Errungenschaften hervorgebracht hat, als auch von der zentralen Rolle menschlicher Dummheit. Warum fällt es uns so schwer, fatale Fehleinschätzungen zu vermeiden?

Harari: Das Hauptproblem ist die Kluft zwischen unserer Macht und unserer Weisheit – zwischen unserer Macht, Systeme zu manipulieren, und der Weisheit, die benötigt wird, um diese Systeme tief zu verstehen. Leider ist es viel einfacher zu manipulieren, als zu verstehen. Im 21. Jahrhundert werden wir lernen, nicht nur die Welt außerhalb von uns zu manipulieren, sondern auch die Welt in uns. Wir werden lernen, wie wir unseren Körper neugestalten und unsere Emotionen, Gedanken und Empfindungen manipulieren können. Aber weil wir die Komplexität unseres inneren Mentalsystems nicht verstehen, könnten wir diese Macht missbrauchen. Wir könnten unser mentales System aus dem Gleichgewicht bringen und einem inneren Zusammenbruch ausgesetzt sein.

Ihre These: Maschinen können viel effizienter entscheiden, als der Mensch. Das Gefährliche daran: Politische Wahlen könnten somit obsolet werden. Wie gefährlich kann die Macht der Algorithmen für die Demokratie werden?

Harari: Sehr gefährlich. Im 20. Jahrhundert besiegte die Demokratie die Diktatur, weil die Demokratie besser in der Datenverarbeitung und Entscheidungsfindung war. Der Konflikt zwischen Demokratie und Diktatur war nicht nur einer zwischen verschiedenen ethischen Systemen, sondern auch einer zwischen verschiedenen Methoden der Datenverarbeitung und Entscheidungsfindung. Die Demokratie verteilt Informationen und die Entscheidungsbefugnis an viele Menschen und Institutionen, während die Diktatur Informationen und Macht an einem Ort bündelt. KI ermöglicht es, enorme Mengen an Informationen zentral zu verarbeiten. Sie könnte zentralisierte Systeme effizienter machen als diffuse Systeme. Folglich könnte das Haupthindernis autoritärer Regime im 20. Jahrhundert – der Versuch, alle Informationen an einem Ort zu bündeln – im 21. Jahrhundert zu ihrem entscheidenden Vorteil werden.

Sie rufen die Menschen auf, ihre Zukunft rund um die Digitalisierung aktiv zu gestalten und dies nicht den Algorithmen zu überlassen. Was wird der Mensch immer besser als der Algorithmus können?

Harari: Wenn es um praktische Aufgaben auf dem Arbeitsmarkt geht, kennen wir keine, die der Mensch immer besser machen kann. Aber auf einer tieferen Ebene ist es wahrscheinlich, dass sich der Computer immer wesentlich vom Menschen unterscheiden wird. Insbesondere werden Computer möglicherweise nie ein Bewusstsein erlangen. Viele Menschen neigen dazu, Intelligenz mit Bewusstsein zu verwechseln, und gehen davon aus, dass Computer mit zunehmender Intelligenz unweigerlich ein Bewusstsein entwickeln werden. Aber in Wirklichkeit könnten Computer viel intelligenter werden als Menschen, ohne jemals Bewusstsein zu erlangen, denn Intelligenz und Bewusstsein sind sehr unterschiedliche Dinge. Intelligenz ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Bewusstsein ist die Fähigkeit, Dinge wie Schmerz, Freude, Liebe und Wut zu spüren.

Teil 1: Yuval Harari: Die großen Debatten unserer Zeit

Teil 2: Hararis kritischer Blick in die Zukunft

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