Tauschen statt kaufen

Die Autoren Ottmar Schneck und Felix Buchbinder über Alternativen zum aktuellen Währungssystem.

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Warum haben Sie dieses Buch geschrieben und warum gerade jetzt?

Ottmar Schneck: Weil es jetzt geschrieben werden musste. Der Glaube an die Unverrückbarkeit bestehender Währungen ist ungeheuerlich, viele Menschen fühlen sich machtlos. Doch Geld ist kein Naturphänomen, sondern von Menschen gemacht. Daher sind auch alle Probleme auf Finanzmärkten von Menschen lösbar.

Felix Buchbinder: Im Buch präsentieren wir die wichtigsten Alternativmodelle. Die einen wirken regional und verfolgen positive Ergänzungsfunktionen zu größeren Systemen. Die anderen zielen auf eine komplette Neustrukturierung des Geldsystems ab.

Was kann der Einzelne dabei tun?

Buchbinder: Die Menschen müssen merken, dass sie der Souverän sind, und diese Verantwortung auch leben. Jeder kann durch Kaufentscheidungen Politik und Wirtschaft beeinflussen. Vernetzung und Kooperation sind im Informationszeitalter essenziell. Aber wer alles auf Raten kauft, dessen Leben hat die Bank im Griff.

Räumen wir Geld aus Ihrer Sicht also einen zu hohen Stellenwert ein?

Schneck: Ja. Wir sollten den Götzen wieder auf den Sockel stellen, der ihm gebührt, und nicht überhöht als Monstranz vor uns hertragen. Geld ist nicht mehr und nicht weniger als eine Rechen- und Tauscheinheit, um den Wert von Waren und Diensten auf einem Markt zu bemessen. Und für diese einfache Funktion gibt es eben auch Alternativen. Für die Aufbewahrung von Vermögen und Materiellem kann Geld nur kurzfristig eine Lösung sein.

Buchbinder: Wenn die Geldansammlung an sich zum Ziel wird, dann kann das schnell zu einem sinnentleerten Leben führen. Symbolisch gesehen ist Geld wie eingefrorene Lebensenergie. Diese ist begrenzt, daher erscheint es viel sinnvoller, sie für ein erfülltes Leben einzusetzen, anstatt sie konservieren zu wollen. Deshalb ist es auch entscheidend, in welche Bahnen wir unser Geld lenken, welche Organisationen wir damit unterstützen und welche Projekte wir verwirklichen.

Ist das ein Plädoyer gegen das Sparen?

Buchbinder: Nein, das soll es nicht sein. Sparen ist auch wichtig, wenn es zielgerichtet geschieht. Aber einfach nur das Geld anzusammeln, um es zu haben, ist genauso unklug, wie es unüberlegt auszugeben. Man sollte eine gute Relation dieser beiden Notwendigkeiten finden. Sparen ist aber auch das wichtigste Instrument, um in einer Gesellschaft Wohlstand aufzubauen. Man kann nicht durch reines Konsumieren reich werden. Heutzutage wird uns zwar suggeriert, dass wir einfach nur mehr Geld ausgeben müssen, um mehr Wohlstand zu erreichen. Aber das ist einfach nicht wahr. Man kann seinen Kühlschrank leer essen – dann ist man zwar satt für einen gewissen Moment, aber wenn man den Kühlschrank nicht wieder auffüllt für schlechte Zeiten, bleibt er leer.

Wird tauschen bald wieder gang und gäbe sein?

Schneck: Das ist die entscheidende Frage der Wirtschaftspolitik. Wir sind ja schon mittendrin in der Share-Economy. Welcher junge Mensch kauft in einer Großstadt noch ein Auto? Tauschen ist die neue Währung.

Buchbinder: Dieser Trend wird sich auch noch weiterentwickeln durch Online-Plattformen, durch regionale Tauschnetzwerke oder auch durch Zeitbörsen. Das sind alles Ansätze, die mehr Bewusstsein schaffen für den Wert von Sachen sowie für die Menschlichkeit.

Wie funktionieren beispielsweise Zeitbörsen?

Schneck: Leistungen werden in Zeit berechnet, die sich ein- und auszahlen lässt. Wenn ich Ihnen heute eine Stunde Ihr Büro aufräume und Sie mir demnächst eine Stunde meinen Rasen mähen, profitieren wir beide. In Japan wird das Prinzip bereits in der Pflege eingesetzt durch einen Verbund von mehreren sozialen Einrichtungen. Es funktioniert so: Ich helfe heute selbst einem Pflegebedürftigen, investiere dafür Zeit und bekomme dafür Jahre später selbst Zeit zurück. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Wir-Bank in der Schweiz. Dort sind es 35 000 mittelständische Unternehmen – da ist vom Schreiner bis zum Metzger alles dabei –, die untereinander ihre Dienstleistungen tauschen. Je mehr Teilnehmer dabei sind, desto größer ist die Tauschmöglichkeit. Wir brauchen nur eine Art Zeitbank, die die Dienstleistungen koordiniert.

Hat denn der Staat ein Interesse daran, solche Projekte zu fördern? Er kann diese Geschäfte dann schließlich nicht besteuern.

Buchbinder: Die EU fördert viele solcher Projekte. Es ist es auch gar nicht das Ziel von Tausch-Projekten, so groß zu werden, dass sie eine Parallelmacht zu unserem Geldsystem darstellen könnten. Wir halten es für sinnvoll, viele kleine Systeme zu haben, die alle in ihrer Region wirken und die Bedürfnisse der Menschen erfüllen, die dort leben. Es geht um dezentralisierte kleine Netzwerke, die in sich geschlossen stark sind und funktionieren, aber keine große Macht nach Außen aufbauen.

Müsste also das Geldsystem parallel weiter existieren?

Schneck: Das sollte es unbedingt. Wir plädieren nicht für die Abschaffung des Euros. Wir brauchen Geld als Tauschmedium für temporäre Wertaufbewahrung. Ich bin ja auch froh, wenn ich heute Geld in der Tasche habe, weil ich morgen etwas einkaufen will. Aber wenn ich etwas tauschen kann, sollte ich es auch tun.

Darin steckt Zündstoff

Sachbuch. Staatspleiten und Arbeitslosigkeit auf der einen, Niedrigzins und Wirtschaftsboom auf der anderen Seite: Das aktuelle Finanzsystem sorgt für großes Ungleichgewicht. Wie es sich ändern ließe, erklären die Ökonomen Ottmar Schneck und Felix Buchbinder in „Eine Welt ohne Geld“. Tauschgeschäfte und digitale Währungen sind für sie nur der Anfang.
256 Seiten, 19,99 Euro, UVK-Verlag

Die Autoren:

Professor Dr. Ottmar Schneck
ist Dozent für Bankwirtschaft an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen.

Felix Buchbinder
studierte dort und in Lancaster International Management.

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