Sprungbrett

"NACH RIO STARTE ICH BERUFLICH DURCH"

Training für Olympia, Agenturjob und eine junge Familie – Hockeyspieler Moritz Fürste verrät, wie er das alles unter einen Hut bekommt. Spitzensportlern, die noch am Anfang ihrer zweiten Karriere stehen, hilft die Praktikantenbörse beim Berufseinstieg.
In Top-Form: Hockey-Star Moritz Fürste will bei den Olympischen Spielen Gold holen (Foto: GES/augenblick/picture-alliance)

DUB UNTERNEHMER-Magazin: Zuallererst: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, in Rio zum dritten Mal in Folge olympisches Gold zu holen?
Moritz Fürste:
Hockey war in den letzten drei olympischen Zyklen ein Medaillengarant – da ist der Erwartungsdruck natürlich hoch. Seit London sind aber vier Jahre vergangen. Inzwischen haben wir viele neue Spieler im Team, die man nicht an vorangegangenen Erfolgen messen darf. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur sagen, dass wir unsere Hausaufgaben machen müssen – dann gehören wir im August zum Favoritenkreis.

Als Mannschaftskapitän haben Sie eine Vorbildfunktion. Sehen Sie es als Ihre Pflicht, die jüngeren Spieler zu führen und zu motivieren?
Fürste:
In hierarchischen Systemen wie dem Mannschaftssport gibt es immer Führungspersönlichkeiten. Sie sind dafür verantwortlich, die Gruppe mitzuziehen, für gewisse Anreize zu sorgen, vornewegzuschreiten oder sich auch mal schützend vor das Team zu stellen. Das sehe ich als meine Aufgabe.

Anfang des Jahres spielten Sie bereits zum dritten Mal eine Saison in Indien. Wie stark fiel der Kulturschock aus?
Fürste:
Im ersten Jahr war es überwältigend, absoluter Wahnsinn. Einmal haben wir den goldenen Tempel der Anhänger der Sikh-Religion in Amritsar besichtigt. Es hat mich tief beeindruckt, mit welcher Ernsthaftigkeit diese Menschen ihren Glauben praktizieren. Solche Momente hatte ich häufig. Ich habe viel nachgedacht und gelernt in der Zeit. Und als ich zurück nach Deutschland kam, saß ich im Taxi auf dem Weg vom Flughafen und fragte mich: Warum hupt hier keiner? Wo sind die Kühe? Und warum ist es überall so sauber? Das war schon ziemlich extrem damals. Dieses Jahr habe ich – auch wegen der Vorbereitung auf Rio – die meiste Zeit im Hotel verbracht, wo ich auch trainieren konnte.

Hockey hat in Indien einen ganz anderen Stellenwert als hier. Mit einem Gehalt von 93.000 Euro für rund fünf Wochen waren Sie 2016 der bestbezahlte Spieler der Liga. Hat Sie vor allem das Geld gereizt?
Fürste:
Als ich 2013 zum ersten Mal in der Hockey India League spielte, war mein Beweggrund das Abenteuer. Die Liga war grade neu gegründet worden, das war eine Sensation. Dieses Jahr war es aber tatsächlich der finanzielle Anreiz, der mich gelockt hat.

Hierzulande ist Profi-Feldhockey ja weniger einträglich ...
Fürste:
Jeder, der sich diese Sportart aussucht, weiß, dass man damit keine Millionen machen kann. Wir leben in Deutschland in einer sportlichen Monokultur, die neben Fußball wenig Spielraum für andere Sportarten lässt. Ein Problem ist das für mich persönlich aber nicht – ich habe ja andere Wege, um mein Geld zu verdienen.

Einer davon ist Ihr Job als Direktor Sportmarketing in der Werbeagentur thjnk. Davor haben Sie studiert. Wie schaffen Sie das alles neben dem Sport?
Fürste:
Mit Zeitmanagement und indem ich Prioritäten setze. Wer glaubt, beim Training, im Studium, Job und privat immer 100 Prozent geben zu können, wird zwangsläufig scheitern. Besser: in den entscheidenden Momenten auf einzelnen Gebieten Spitzenleistungen abrufen.

Und Ihr Arbeitgeber hat dafür Verständnis?
Fürste:
Bis zu den Olympischen Spielen habe ich einen 20-Stunden-Vertrag, ab Oktober starte ich dann in Vollzeit durch. Das ist für beide Seiten eine gute Lösung. Dass ich aufgrund des Trainings später komme und früher gehe, ist allerdings in der Agenturwelt eher ungewöhnlich.

Was genau sind Ihre Aufgaben bei thjnk?
Fürste:
Aktuell knüpfe ich vor allem Kontakte, treffe Leute und führe Gespräche – klassisches Networking. Mein langfristiges Ziel ist es aber, Sport und Werbung strategisch zu verknüpfen und unsere Kunden in allen Fragen rund um das Sport-Marketing zu beraten. Viele Unternehmen investieren Millionen in diesem Bereich, aber es fehlt an strategischen Kommunikationszielen – ich glaube, dass darin unheimlich viel Potenzial steckt. Wir schaffen ein solches Angebot, und ich bin dabei die Gallionsfigur, die für Sport-Expertise und -Faszination steht.

Nach der gescheiterten Olympia-Bewerbung Ihrer Heimatstadt Hamburg, für die Sie sich öffentlich engagiert hatten, posteten Sie ,Sport in Deutschland ist tot‘ in den sozialen Netzwerken. Wie stehen Sie heute dazu?
Fürste:
Ich sehe meine Aufgabe darin, den Sport wiederzubeleben. Die Sportwelt ist so vielfältig. Egal, welcher Mannschaftssport – würde er in der gleichen Qualität wie die Champions League produziert, könnte man damit ein großes Publikum begeistern. Ein Best Practice Beispiel ist etwa die Übertragung der Playoffs und des Super Bowl der US-amerikanischen National Football League (NFL) auf ProSieben und SAT.1, die in der letzten Saison bis zu zwei Millionen Zuschauer vor den Fernseher bannte.

Können Sie durch den Spitzensport besonders gut mit Niederlagen umgehen?
Fürste:
Ich habe im Sport auf jeden Fall viele Niederlagen einstecken müssen. Inzwischen lautet mein Credo: nicht zurückschauen. Jedes Problem, das sich ergibt, ist für mich eine neue Ist-Situation, und dann suche ich nach einer Lösung. Im Job muss man auch mal Rückschläge einstecken oder ist nicht mit seiner Performance zufrieden. Dann macht man weiter und versucht, es besser zu machen. Ich glaube, dass so eine Einstellung für ein Unternehmen sehr wertvoll ist.
Vorbildfunktion: Mannschaftskapitän Moritz Fürste (r.) mit Nationalspieler Fabian Pehlke nach einer Niederlage (Bild: Hendrik Schmidt/picture alliance/dpa)

Welche Eigenschaften haben Sportler noch, die im Job hilfreich sind?
Fürste:
Sie denken und arbeiten strukturiert, können sich durchsetzen, sind ehrgeizig und teamfähig. Hinzu kommt diese intrinsische Motivation, sich selber zu Höchstleistungen anzutreiben. Das ist in hohem Maße relevant für eine überdurchschnittliche Arbeitsperformance.

Die Praktikantenbörse vermittelt Top-Athleten an Unternehmen. Was halten Sie davon?
Fürste:
Das ist genial. Spitzensportler sind nicht nur motiviert, sondern auch äußerst loyal – gerade weil sie im Job auf gewisse Freiheiten angewiesen sind. Doch Arbeitgeber haben oft kein Verständnis für unsere Situation – und lassen sich hochqualifizierte Leute entgehen. Die Plattform kann helfen, das zu ändern.
(Anmerkung der Redaktion: www.dub.de/praktikantenboerse)

2015 wurde Ihre Tochter Emma geboren. Wie lässt sich eine Familie mit dem Sport vereinbaren?
Fürste:
Wenn ich Training habe und arbeite, bekomme ich kaum etwas von der Kleinen mit. Dann nimmt mir meine Frau alles ab. Insofern bin ich ganz froh, dass ich nicht am Anfang meiner sportlichen Karriere Vater geworden bin.

Als Sie dieses Jahr für fünf Wochen in Indien spielten, waren Sie erstmals länger von Ihrer Tochter getrennt. Wie war das für Sie?
Fürste:
Das war natürlich nicht einfach. Da ich es aber schon lange im Voraus geplant hatte, konnte ich mich darauf einstellen. In der Zeit dort habe ich versucht, die Trennung nicht so sehr an mich heranzulassen. Aber nach meiner Rückkehr war ich schon sehr erleichtert, wieder bei meiner Familie zu sein.

Kommen Ihre Frau und Ihre Tochter im August mit nach Rio?
Fürste:
Ja – darauf freue ich mich schon sehr. Zwar dürfen sie nur sporadisch ins Olympische Dorf, aber wir treffen uns außerhalb und sie werden natürlich auch bei unseren Spielen zuschauen.

Wie muss man sich das Leben im Olympischen Dorf vorstellen? Wird da viel gefeiert und es herrscht eine Art Ausnahmezustand?
Fürste:
In vielen Disziplinen dauern die Wettkämpfe nur wenige Tage. Danach können die Athleten zusammen mit Sportlern anderer Nationen feiern – da hört man die wildesten Geschichten. Solange wir im Turnier sind, geht dieser Kelch aber an uns vorbei, weil sich unsere Spiele über den gesamten Zeitraum hinziehen. Dann kommen wir oft erst gegen 22.30 Uhr ins Dorf, essen noch etwas, und gehen dann ins Bett, um morgens fit fürs Training zu sein. Nicht bei den Partys dabei zu sein, wäre einerseits schade. Andererseits hieße es aber, dass wir weit kommen – und das ist ja der Plan!

KURZ-VITA: MORITZ FÜRSTE

Der 31-Jährige zählt zu den besten Hockeyspielern der Welt. Er hat Mediamanagement und Wirtschaftspsychologie studiert und ist nun Direktor Sportmarketing bei der Agentur thjnk.
Bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro tritt er mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft an, um zum dritten Mal in Folge Gold zu holen.

(Foto: rtn/picture alliance )

DUB-Praktikantenbörse

WAS: Die Praktikantenbörse ist ein Angebot für Unternehmen und Spitzensportler. Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnete die Börse im Herbst 2014.
WIE: Bundeskader-Athleten und Sportler aus dem Radsportteam Racing Students präsentieren ihr Profil auf DUB.de. Unternehmen wählen passende Praktikanten aus.
WER: Initiatoren der Praktikantenbörse sind die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die Deutsche Bank und die Deutsche Unternehmerbörse DUB.de.

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